Schlagwort-Archiv: Kolumne

“Inside Llewyn Davis” und das menschliche Denken in Bildern

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Die Struktur der menschlichen Kognition ist von mentalen Bildern und Metaphern geprägt. Die äußere Welt wird verbildlicht, damit der Mensch sie verstehen kann – Abstraktes und Allgemeines wird metaphorisiert, damit man sich darauf beziehen kann. Ohne seine Bilder könnte der Mensch sich keine Vorstellung machen. Ohne sie hätte er keine Realität. Man nehme die Zeit: Sie liegt vor einem, hinter einem, geht vorbei und kommt auf einen zu. Zeit ist ein sich bewegendes Objekt – sie kann “gehen” und “kommen”, sie kann “verfliegen” und “stehen bleiben” – so die zugehörige Metapher, die in unserem Geist verankert ist. Solcherlei konzeptuelle Bildübertragungen und mentale Bildstrukturen formen unsere Realität. Oben ist mehr, unten ist weniger. Oben ist gut, unten ist schlecht, denn weniger ist schlecht und mehr ist besser, so eine von Tausenden Realitätsstrukturen, die auf mentalen Metaphern aufbaut. Gedanken in Bilder zu überführen und Wahrnehmungen zu Bildern zu verarbeiten ist demnach die natürlichste Form menschlichen Erlebens. Der Film wiederum ist eine regelmäßige und lineare Aneinanderreihung von zusammenhängenden Bildern und dass uns die Filmkunst derart nahe steht, liegt nicht zuletzt daran, dass sie unseren natürlichsten Erlebnismechanismus – die Bildverarbeitung – sichtbar macht.

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Zum Teufel mit der Moral – Rob Zombies “Lords of Salem” und die Kunst des Grauens

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Rob Zombie ist zurück. Mit HAUS DER 1000 LEICHEN und THE DEVIL’S REJECTS hat der Rockstar eine Kultfilm-Reihe etabliert, die ihresgleichen sucht. Nach langer Regie-Pause liefert Rob mit LORDS OF SALEM nun genau das – ihresgleichen – denn der aktuelle Erguss seines künstlerischen Schaffens ist ein Horrofilm mit grenzenloser Blasphemie, unkontrollierten Satansanbetungen, exploitationhaften Sexdarstellungen und – wie könnte es anders sein – einer freizügigen Sheri Moon Zombie, die dem Publikum schon in der Eröffnungsszene ihren nackten Hintern entgegen reckt, bevor sie sich zu gothikhaft düsteren Ritualsmelodien in Ekstase tanzt. Ins Kino hat es Robs pornografisch angehauchter Horror nicht geschafft. Ob berechtigter Weise oder nicht bleibe dahin gestellt – nein, Moment: Lieber sei es an dieser Stelle ausdiskutiert.

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Carrie und die Kunst des Remakes

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Mit Remakes ist es so eine Sache: Zu nah am Original und der Kritiker fordert Kreativität. Zu weit davon entfernt und der eingefleischte Fan kann nicht überzeugt werden. Trotz jener Schwierigkeit kommen die Bilder der Vergangenheit, wenn einem erfolgreich gewesen, so schnell nicht zur Ruhe. Geld lässt sich mit Remakes schließlich ein ganzer Haufen machen: Die Zielgruppe erweitert sich von der gegenwärtigen Generation der Kinogänger auf die überholte Generation der Filmfanatiker, die schon das Original im Kino gesehen hat. Oder doch nicht?! Wenn Opa vom Krieg erzählt, dann versteht Jung’ nur Bahnhof. Wenn Jung’ von Gangster Rap, Tweeten und Booten berichtet, dann schüttelt Opa den Kopf. Hinzu kommt der Sprachwandel: Opa erzählt vom Labsal seiner Jugend und fragt sich, warum die Burschen von heute so schlampampen. Jung’ dagegen wundert sich unterdes, worüber Opi da eigentlich so “abgeht”. Der Generationenkonflikt ist vorprogrammiert und bleibt oft unversöhnbar. Remakes tragen nun einen ähnlichen Generationenkonflikt in sich, denn wie jeder sprachliche Code ändert sich auch der filmsprachliche mit den Generationen. Was ein Film vor 20 Jahren bewirkt hat, kann er in der Gegenwart nicht bewirken – es sei denn die veraltete Sprache des Originals wird in moderne Filmsprache überführt. Ein Remake gleicht einer Übersetzung von Altdeutsch ins Gegenwartsdeutsche. Was aber, wenn zum Alt kein Neu existiert? Worte wie “Wählscheibe” zum Beispiel werden statt übersetzt vollständig gelöscht, weil das, was sie bezeichnen, nicht mehr existiert. Kann ein Film wie ein Wort an Funktionalität verlieren? Glücklicherweise nicht, denn ein jeder Film ist Kunst. Endziel von Kunstsprache wiederum ist nie das Bezeichnen, sondern das Fühlen-Lassen. Vorrangig transportieren Filme emotionale und ästhetische Qualitäten. Zwar erzählen sie eine Geschichte, die wie ein Wort an Funktionalität verlieren kann, die Emotion jedoch, zu deren Transport die Geschichte angelegt wurde, kann unmöglich an Funktionalität verlieren. Egal wie viele Jahre vergehen, hat es so immer eine Berechtigung, ein altes Kunstwerk in die Gegenwart zu überführen, denn Kunst funktioniert nicht auf rationaler, sondern emotionaler und ästhetischer Ebene. Ein gutes Remake sollte die gegenwärtige Generation in diesem Sinne alle emotionalen und ästhetischen Qualitäten erfahren lassen, die von der überholten Generation bei Betrachten des Originals erfahren wurden. Remaking sollte eine Wirkungswiedergabe sein. Die Geschichte, die mit der Zeit an Funktionalität verliert, wird modifiziert, um eine neue Generation die Emotion und Ästhetik erfahren zu lassen, die eine vorausgegangene Generation über den originalen Film erlebt hat. Zurück zum Übersetzungsvergleich: Übersetzt man von einer Sprache in eine andere und begegnet einem dabei eine Formulierung, die pure Emotion wiedergeben soll, dann werden Form, Wörter und oft sogar Bedeutungsinhalt der Ursprungsformulierung verändert, damit in der anderen Sprache über Reformulierung die eigentlich intendierte Emotion fühlbar werden kann. Übersetzen ist immer modifizieren – in jeder Sprache, also auch in der Filmsprache. Ein gutes Remake verändert demnach die Formulierung – die Kameratechnik, die Effekttechnik, die Bildkomposition, die Montage – und meist auch den Inhalt – die Geschichte – um die emotiven und ästhetischen Werte des Originals mit der Filmsprache der Neuzeit wiederzugeben. Davon ausgehend zur 2013er Ausgabe von CARRIE…

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“Wir reden hier von Machete!” – Gewalt in Filmen

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Es ist der 14. Dezember 2012. Der bisher unauffällige Adam Lanza durchschießt die Tür einer Grundschule und tötet 27 Menschen, darunter 20 Erstklässler. Sein 28. Opfer ist er selbst – der Täter des dritt-schlimmsten Amoklaufs, den es in der amerikanischen Geschichte gegeben hat. Warum der 20-Jährige eine Grundschule gewählt hat, bleibt im Dunklen. Obama reagiert mit Verschärfungsvorschlägen für das Amerikanische Waffengesetz. Wieder andere Verbrechen werden begangen, denn Waffenfanatiker fühlen sich bedroht. Die gewaltsame Rebellion von Waffenbesitzern schüchtert den Kongress ein. Ein Amerikanischer Bürger muss doch das Recht haben, sich gegen eventuelle Angriffe zu wappnen! Zumindest in New York, Conneticut und Colorado setzen sich dessen ungeachtet Obamas Verschärfungen durch. Der Amoklauf des 14. 12. 2012 hinterlässt seine Spuren. 2013 wird auch die Filmwelt von einer Gewaltdebatte ergriffen. Ursprünglicher Auslöser ist Jim Carreys Äußerung zu KICK ASS 2. Obwohl selbst an dem Film beteiligt, meldet er über Twitter, er könne das Niveau der im Sequel gezeigten Gewalt nach dem Amoklauf von Sandy Hook nicht unterstützen. Produzent Mark Millar rechtfertigt sich vor der gesamten Welt. Die altbekannte Argument-Gegenargument-Diskussion über Gewalt in Filmen nimmt ihren Lauf. Waltz beschuldigt in einem Interview mit CNN die Medien – sie würden Gewalt zu Spektakeln aufbauschen. Tarantino äußert in einem Interview mit Cicero, Filme verantwortlich zu machen, sei gegenüber der Opfer respektlos. Filmische Gewalt habe an grausamen Ereignissen der Realität niemals Schuld.

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Unsterblichkeit: Kolumne zur TV-Serie “Dracula”

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Um sie spannen sich Sagen und Mythen. Geschichten von Zauberern und Schamanen, von Götzenbildern und Göttern. Die Rede ist von der allerseits gejagten, der nie nachweislich erreichten, der so unglücklich ersehnten, so hoffnungslos erhofften, so ausschweifend erdichteten Unsterblichkeit. Seit er geboren wurde, leidet der Mensch an einer Krankheit, die sich Sterben nennt. Oder erkrankt er mit der Geburt an einer, die sich das Leben nennt? Wäre die Heilung der Sterblichkeit der ultimative Tod? Erst der Tod macht das Leben besonders, und doch bleibt Todlosigkeit ein ungleich großer, wenn auch unvergleichlich zerstörerischer Lebenswunsch des Menschen.

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Die Qual der Wahl – Ein Filmvergleich

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Heute war ich im Supermarkt. Nein, wie sagt man noch – in einem Kaufhaus – einem riesigen, labyrinthähnlichen, menschenvollen Kaufhaus wie es in den USA geboren wurde. Wo man angefangen bei Anzugschuhen und aufgehört bei Haifischflossen aus China alles bekommen kann, das man überhaupt suchen kann. Drinnen angekommen wurde ich 14 Mal angerempelt, 19 Mal angepflaumt und 17 Mal angehalten, weil man mich fragte, wo denn eigentlich die Unterhosen, die Dosenfrüchte, die Eheringe, die Hundehütten, das Computerzubehör, der polnische Büffelgraswodka, der indische Pfeffer wären. Ich hatte keine Ahnung, sodass ich weitere 17 Mal mit schrägen Blicken gemustert wurde, bevor ich überhaupt dazu kam, mich ans Einkaufen zu machen. Ich wollte eine Butter. Nichts Besonderes, einfach eine stinknormale Butter. Als ich vor dem Kühlregal ankam, wo ich die stinknormale Butter vermutete, war ich ratlos. Da gab es verschieden-fetthaltige Butter, das gab es Butter aus verschiedenen Nationen und es gab Butter in verschiedenster Zusammensetzung, Butter aus verschiedenen Herstellungsverfahren und Butter, die eigentlich keine Butter war, sondern ein Ersatznarhrungsmittel, das aus wieder anderen Ersatznahrungsmitteln bestand. Ich kaufe nichts und ging nachhause. Ohne Butter, dafür mit 14 Remplern, 19 Beschimpfungen und 17 schrägen Blicken mehr in meinem Erfahrungsschatz. Sie fragen sich, was mein heutiger Einkauf nun mit RIDDICK 2, DAS IST DAS ENDE, CHRONIKEN DER UNTERWELT und ALLES EINE FRAGE DER ZEIT gemein hatte? Gut, denn genau das war das Ziel.

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Camouflage

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Wir sind immer erreichbar. Informationen und Bildung sind nur einen Mausklick entfernt. Im Supermarkt warten von jedem Produkt Millionen von verschiedenen Sorten. Wir – die moderne, westliche Gesellschaft – haben die Wahl. Haben wir nun, was wir brauchen? Sind wir nun endlich zufrieden? Nein, das ist es ja gerade: als Kinder unserer Zeit wollen wir immer mehr, sodass zufrieden” und “glücklich” zu immer surrealerem Luxus wird.

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