The Walking Dead – 10 Schritte zum Zombie-Erfolg

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Zombie-Apokalypse im Serienformat ist definitiv gewagt, denn was gibt es über die Zombie-Apokalypse schon großartig zu sagen? Weltuntergangsstimmung, Überlebenskampf, Gemetzel – mehr hatte zumindest so manch ein Zombie-Film der letzten Jahre nicht zu erzählen. Das sollte Grund genug sein, dass bisher niemand Zombies serienfähig machen wollte, denn wie sollen mehrere Staffeln a 16 Episoden vom Überlebenskampf in der postapokalyptischen Welt erzählen, ohne langweilig zu werden? “The Walking Dead” nimmt sich eines Erklärungsversuchs an und eins muss man der Serie lassen – mutig und neu ist das Konzept episodischer Zombie-Wahnsinn allemal. Nun also zum Erklärungsversuch:

1. Um sich von dem Zombie-Thema auf Dauer nähren zu können, verrate auf keinen Fall zu früh, wie es zur Zombie-Apokalypse kam.

Wie den Charakteren ist der tatsächliche Ausbruch der Seuche dem Zuschauer sogar in Staffel 3 von “The Walking Dead” noch unklar. Die Serie eröffnet nicht etwa auf den Ausbruch an sich, sondern auf den bewusstlosen Protagonisten Rick, der im Krankenhaus liegt und erst nach der Zombie-Übernahme erwacht. Kaum hätte eine erste Episode zum Zombie-Thema besser angelegt werden können, denn nicht nur bleibt hier die Frage alle Fragen im Schatten und damit im Interesse des Zuschauers, auch konstruiert sich mit Ricks Erwachen im Krankenhaus ein motivierendes Moment, von dem sich die gesamte erste Staffel nähren kann: Rick will zu seiner Familie und macht sich auf die Suche. Interessieren aber würde uns das alles noch lange nicht, wenn “The Walking Dead” den konzeptuellen Schritt 2 zum Zombie-Erfolg übergangen hätte, der da wäre:

2. Binde die Zuschauerschaft möglichst eng an die Protagonisten.

Damit Ricks Suche nach seiner Familie und sein Kampf ums Überleben überhaupt interessieren, ist die Bindung zu ihm tatsächlich unerlässlich. Bewerkstelligt hat “The Walking Dead” jene the_walking_dead_2 Bindung in der ersten Episode schon mit Schritt 1 des Zombie-Erfolg-Plans: Die Zuschauerschaft erwacht mit Rick in düsterer Weltuntergangsstimmung. Wie er weiß der Zuschauer annähernd nichts über den Ausbruch der Zombie-Seuche und erst zusammen mit ihm und seiner Suche nach der Familie wird ihm Schritt für Schritt das Ausmaß der Katastrophe klar. Anders als Rick aber, weiß der Zuschauer schon früh, dass seine Familie noch am Leben ist. Ein konzeptueller Bruch? Nicht im geringsten. Tatsächlich fühlen wir so umso mehr mit Rick. Im Cross-Cut sehen wir ihn entschlossen und mutig nach Frau und Kind suchen, während Frau sich längst mit seinem guten Freund vereinigt hat. Das zwischenmenschliche Drama lässt sich vorausahnen, was uns zu Schritt 3 des Zombie-Erfolg-Plans bringt:

3. Ordne das zwischenmenschliche Drama dem Zombie-Gemetzel über.

Selbstverständlich wird hier und da ein Zombie umgelegt und selbstverständlich gilt hierbei wie in anderen Zombiefilmen die Regel Kopfschuss doch die dramatischen Wendungen innerhalb sozialer Gruppen und die zwischenmenschliche Herausforderung, vor die eine Zombie-Apokalypse die Menschen stellt, steht für “The Walking Dead” im Vordergrund. Zombie-Splatter-Momente sind eher eine Seltenheit. Was der eine als zu kommerziell und zuweilen womöglich langatmig oder unangenehm dialoglastig empfinden mag, ist für eine Serie im Zombie-Genre gut möglich einzige Option, mehrere Staffeln präsent zu bleiben. Mal etwas Soap ähnlich, mal höchst gesellschaftskritisch setzt “The Walking Dead” Schritt 3 seines Erfolgsplans um. Hand in Hand mit ihm geht schließlich Schritt 4:

4. Lasse die Zuschauerschaft an den Protagonisten zweifeln.

Nahe steht man Rick und seiner Gruppe bereits. Doch auf Dauer reicht auch das nicht aus. Charakterentwicklung ist das A und O einer Serie und das Ausleben der dunklen Seite ist A und O von Protagonistenentwicklung einer guten Zombie-Serie. Dass die Zuschauerschaft eng an Rick und Co gebunden wird und die Gruppe unter dem Überlebensdruck der Zombie-Apokalypse trotz alledem Entscheidungen trifft, die moralisch kaum vertretbar sind, führt dazu, dass man an den Figuren zweifelt, schließlich jedoch vor allem an sich selbst, denn so nahe wie der Zuschauer den Protagonisten steht, erkennt er, dass er selbst wahrscheinlich nicht anders handeln würde. Das geht besonders nahe. Eine Serie, die das Gewissen des Zuschauers involviert und ihn über sich selbst nachdenken lässt – besser geht es kaum. Zumindest 2 Staffeln sollten sich bei Beachtung von Schritt 1-4 interessant und unterhaltsam gestalten lassen. Was aber danach? Wie lässt sich einen Schritt weiter gehen? “The Walking Dead” macht es vor:

5. Führe den Wahnsinn als Handlungsstrang ein.

Dass man während der Zombie-Apokalypse den Verstand verlieren kann, ist nachvollziehbar. Im Wahnsinn ist schließlich so einiges möglich, sodass sich auf jene Art und Weise der Rahmen des realistisch in einer Zombie-Serie Möglichen brechen lässt, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Nicht nur ist der Wahnsinn besonders düster und stimmungshaft, auch bietet er allerhand Abwechslung zur Haupthandlung, weil im Wahnsinn andere Regeln gelten, als in der realen Welt. Der Zuschauer wird über den Wahnsinn aus der “Zombie-Routine” gerissen und sein Interesse steigt, da innerhalb des Irrsinns nichts wirklich vorhersehbar ist. Doch der Irrsinn ist längst nicht der einzige Weg, der die Zuschauerschaft in der Zombie-Routine vor der Langeweile bewahren kann.

6. Zettle einen Krieg unter den Menschen an, der weitaus grausamer ist, als der Krieg gegen die Zombies.

Nicht nur kann Gesellschaftskritik eine Zombie-Serie “sinnvoll” machen, auch ist es abwechslungsreicher, den ständigen Kampf gegen die Zombies vom Kampf gegen einander ablösen zu lassen. Gesellschaftskritisches, dramatisches und actionreiches Moment fusionieren und überraschende Wendungen lassen sich leichter realisieren: sei es durch Seitenwechsel der Protagonisten oder Auslieferungsentscheidungen. Da wären wir auch schon bei Schritt 7 des Zombie-Erfolgplans:

7. Wiege den Zuschauer in Sicherheit und reiße ihn gewaltsam wieder aus ihr heraus.

Ja, man ist sich lange sicher, die Protagonisten von “The Walking Dead” einigermaßen einschätzen zu können, doch wird man sich zu sicher, wird man im nächsten Moment brutal davon überzeugt, dass während der Zombie-Apokalypse nichts so richtig sicher ist. Ohne allgegenwärtige Unsicherheit übersteht eine Zombie-Serie wohl nicht einmal die erste Staffel und die Unsicherheit bezieht sich hier nicht nur auf Innenleben und Entscheidungen der Protagonisten, sondern zugleich auf etwas absolut Existenzielles: auf die Frage nach dem Überleben.

8. Bringe regelmäßig einen deiner Protagonisten um.

Vor allem Publikumslieblinge ein Opfer von Zombie- und zwischenmenschlichem Krieg werden zu lassen, kann als Schokmoment dienen und dabei helfen, die Zuschauer bei der Stange zu halten. Möchte man meinen, nach Monaten der Zombie-Apokalypse wird die verbliebene Gruppe einen relativ sicheren Weg des Überlebens gefunden haben, so sollte diese Vermutung möglichst häufig wieder zerstreut werden. Um genau das zu bezwecken hält “The Walking Dead” sich auch an Schritt 9 des Zombie-Erfolg-Plans:

9. Lasse deine Zombies eine Entwicklung durchmachen.

So gut die Zombies in all ihrem Design, in ihren Bewegungen und in ihrer Kommunikation auch wirken, reicht auch das interessanteste Zombie-Design schließlich nicht aus, Zuschauer für die Dauer einer Serie zu faszinieren, wenn die Zombies keine Entwicklung durchmachen. the_walking_dead_3 Zombies, die immer mal wieder mutieren, die dazu lernen und neue Facetten zeigen, haben sich schon in Filmen wie “I am Legend” bewiesen. “The Walking Dead” hat das offenbar begriffen und setzt bei der Handlungsentwicklung nicht etwa auf statische Zombies, um die herum sich die Protagonisten entwickeln, sondern auf eine dynamische Verflechtung von Protagonisten- und Zombie-Entwicklung. Was kann da also noch schief gehen? Eine zwischenmenschliche Soap mit dem Extra der Düsterheit durch dynamische Zombie-Apokalypse, in der Menschen einander schlimmer bekämpfen, als sie gegen die Monster vorgehen, in der sich der Irrsinn in die Herzen schleicht und in der sich der Zuschauer niemals über irgendetwas sicher sein kann? Ja, Schritt 1 bis 9 sind für einen Monstererfolg a la “The Walking Dead” notwendig, doch tatsächlich lässt sich eine Zombie-Serie nur über Schritt 10 perfektionieren:

10. Verrate so wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Niemand möchte eine mehr staffelige Serie verfolgen, die nicht regelmäßig ein Geheimnis lüftet. Wie in Schritt 1 angemerkt ist es nicht besonders sinnvoll, die Fakten um den Ausbruch der Zombie-Pandemie von Anfang an zu verraten, doch genauso nötig ist es, Stück für Stück ein Faktum aufzudecken, denn tut man das nicht, so fühlt sich der Zuschauer irgendwann hingehalten und auf den Arm genommen. Gut also, dass “The Walking Dead” ziemlich früh anklingen lässt, jeder sei bereits mit dem Virus infiziert. Reichen aber wird diese vage Information für die nächsten Staffeln nicht. Ob die Serie den schmalen Grat zwischen Verraten und Verbergen finden wird, der genauso viel Spannung aufrecht erhält, wie er den Zuschauer kontinuierlich auf eine Lösung zutreibt, wird sich noch herausstellen. Eine mutige und gut umgesetzte Serie ist der Zombie-Erfolg ohnehin. Jedoch entscheidet erst die Meisterdisziplin “Verrate so wenig wie möglich und so viel wie nötig” darüber, wie viele noch immer interessante Staffeln uns noch erwarten werden.

by Sima Moussavian

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