Revenge – Emily Vancamp als Rachegöttin

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“Dies ist keine Geschichte von Vergebung.” – beginnt eine Serie mit einem Kill-Bill-ähnlichen Voice-Over jener Art, so wird man sich von ihr vor allem 3 Dinge erwarten: Gnadenlose Action, gnadenlosen Style und das Potenzial zum Kult. Ja, Revenge-Creator Mike Kelley hat Branchenerfahrung und ja, darunter auch Kult-Serienerfahrung, so beispielsweise über O.C. California. Ein Quentin Tarantino aber ist er genauso wenig wie eines der anderen Crew-Mitglieder. Verwunderlich gar, dass “Revenge” trotz einiger Unstimmigkeiten einen tarantino-ähnlichen Charme mit philosophischem Touch entfaltet, der überraschend hohes Sucht-Potenzial hat.

Amanda Clarks (Emily VanCamp) Leben gerät aus den Fugen, als der Vater ihr ihm Kleinkindalter entzogen und für ein Verbrechen verurteilt wird, das er niemals begangen hat. Noch im Gefängnis ermordet, lässt er seine Tochter als Waise zurück, die ihre Jugendjahre in etlichen Pflegefamilien verbringt, um schließlich selbst im Jugendgefängnis zu landen. Mit ihrer Entlassung beginnt für Amanda die Suche nach Erlösung. War sie bis dahin überzeugt, ihr Vater sei zurecht des Terrorismus angeklagt worden, erfährt sie am Tag ihrer Entlassung die Wahrheit über das Verbrechen, das den Tod ihres Vaters zur Folge hatte. Die einflussreichen Greysons haben David Clark benutzt, um ihre eigenen Verbrechen zu vertuschen. In jener Erkenntnis entwickelt Amanda die Besessenheit, ihren Vater rächen zu wollen. In der Hoffnung, Erlösung zu erfahren, sobald sie die Greysons untergehen sieht, schleicht sie sich unter neuem Namen in deren wohlhabenden Dunstkreis ein und arbeitet sich langsam bis zu den Machthabern vor, um einen nach dem anderen für ihr ruiniertes Leben zu bestrafen. Wer sich für eine rache-motivische Film- oder Serienproduktion im Stile von “Revenge” entscheidet, der muss für gewöhnlich zwischen zwei Grundkonzepten wählen. Da wäre die gewaltverherrlichende Darstellung von Rache als erlösende Gerechtigkeit und zum anderen die gegenteilige Annäherung, die zumeist in die Erkenntnis mündet, dass ein Rächer-Leben, wenn im Moment der Verwirklichung auch erlösend, schon eine Sekunde später nichts als Leere hinterlässt.

Meint erstere Entscheidung eine Entscheidung gegen die Entwicklung und für die zügellose Action, so meint Zweitere nur allzu oft einen Radikal-Ausschluss von Action-Momenten zugunsten einer tieferen Charakterentwicklung. Da vor allem ein episodisches Format auf Charakterentwicklungen angewiesen ist, weil es andernfalls stagniert, sollte “Revenge” sich durchaus richtig entschieden haben, den Anspruch auf Action-Ästhetik hinter den der Entwicklung zu stellen. So nähert sich die Serie den Hauptmotiven von Rache, Liebe und Leid als Essenz der menschlichen Natur auf eine beinahe philosophische und höchst narrative Weise an, die eine in TV-Produktionen selten dagewesene Tiefe entwickelt. Anders als ein Großteil der Genre-Verwandten hat “Revenge” etwas zu sagen, doch mit dem inhaltlichen Anspruch steigt in einem Genre wie dem episodischen Thriller auch die Gefahr, hier und da brüchig, pathetisch oder besserwisserisch zu wirken.

Auch “Revenge” gelingt es nicht durchgängig, die philophischen Anflüge lückenlos in das Narrativ einzuarbeiten. revenge_2 Nicht alle Komponenten der Story fügen sich ohne weiteres in einen sinnigen und stimmigen Gesamtzusammenhang. Jener sieht sich vor allem dann bedroht, wenn Amandas chinesischer Lehrmeister und Rache-Guru auf der Bildfläche erscheint – klischeehafter hätte er übrigens kaum gestaltet werden können. Aus dem Gesamtbild der Serie und der Szenerie der reichen Hamptons fällt Amandas Rachegott heraus wie ein Kind aus dem Stockbett. Sorgt die Martial-Art Komponente auch für nett anzusehende Action-Sequenzen und lässt sie sich zugleich besonders gut mit den höchst philosophischen Voice-Overs Amandas vereinen, ist das Ganze, wohl als Anspielung auf einschlägige Genre-Filme gedacht, zu stereotyp, um ernst genommen zu werden.Auf der Plus-Seite der Charakter-Konzeption stellt “Revenge” dem Zuschauer in den unangenehm reichen und kalten Hamptons die angenehm durchschnittlichen und warmen Porters zur Verfügung, denen die lokale Hafenbar gehört.

Die Erdung, die die Story über die Einführung von Jack und dessen Bruder Declan erfährt, verhindert in letzter Sekunde, dass die Künstlichkeit von Szenerie und Greysons auf den gesamten Plot abfärbt. Einen ähnlichen Effekt hat Jack Porter auf die Figur der Amanda. So droht das Rache-Motiv im Sinne ihrer Besessenheit, betonten Gefühlskälte und beherrschten Überlegenheit ihre Voice-Overs belehrend wirken zu lassen und ihrer Figur die Basis der Echtheit zu nehmen. Die Wahrhaftigkeit, über die sich ihre Beziehung zu verlorenem Jugendfreund Jack definiert,hilft dem Zuschauer jedoch dabei, sie wieder als Menschen und nicht mehr nur als Rachegöttin wahrzunehmen.

Meisterhaft gelöst hat “Revenge” die Fusionierung von Vergangenheit und Gegenwart. Der Flashback-Strang um David Clark, der die gesamte Story motiviert, wird häppchenweise, zugleich spannungserhaltend und enthüllend in die Handlung der Gegenwart eingebunden. Zuweilen wird jene Einbindung über faszinierende Bildkompositionen gelöst, die Vergangenheit und Zukunft schnittlos ineinander übergehen lassen, um das unvorhergesehene Hereinbrechen eigentlich verdrängter Erinnerungen zu visualisieren, die Amandas Racheplan zu torpedieren drohen. Die Inszenierungen von Amanda sind übrigens durchaus interessante mit teils vorhersehbaren, teils völlig unerwarteten Konsequenzen. Und doch ist “Revenge” keine Geschichte von Kill-Bill-ähnlicher Rache. Viel mehr handelt es sich um eine Geschichte über die persönliche Dramatik einer jungen Frau, deren Leben anfangs vielleicht ruiniert erscheint, tatsächlich aber erst über ihre Rache ruiniert wird.

Nein, “Revenge” ist nicht “Kill Bill” und seine Crew hat keinen Quentin Tarantino. Dass sich dennoch ein gefühlt tarantino-ähnlicher Charme entfaltet, hat wenig mit Brutalität oder extremer Farbsättigung zu tun. “Revenge” entwickelt über Atmosphäre und Tiefgang schlichtweg eine eigene Schönhandschrift. Wenn Eigenheit kein Aspekt ist, der für den Ausdruck “tarantino-ähnlich” qualifiziert, was könnte ein solcher dann überhaupt sein?

by Sima Moussavian

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