Dracula (2013)

dracula

“Wenn du mein sein willst, werde ich dich glücklicher machen als Gott selbst in seinem Paradies. Ich bin die Schönheit; ich bin die Jugend, ich bin das Leben. Wenn du kommst, werden wir die Liebe sein.” Zitat erkannt? So verführerisch mystisch war seinerzeit wohl nur Bram Stoker, dessen “Dracula” bis heute als eines der ikonischsten und am häufigsten adaptierten der Filmgeschichte gilt. 1992 erstmals adaptiert und als Inspirationsgeber nicht zuletzt für die rekordbrechenden Erfolge der Twilight-Saga verantwortlich hat der Roman die Filmgeschichte revolutioniert. Dass NBC Universal und Sky Living eine dramatische Horror-Serie in Produktion geschickt haben, die sich an Stoker orientiert, sollte daher keine allzu große Überraschung sein. Fällig war ein solches Projekt unlängst und doch bleibt es eine große Herausforderung, dem großen Stoker auf episodische Weise gerecht zu werden.

Eine „kluge, anspruchsvolle und provokative Neuinterpretation“ von Stokers Original nannte Universal-Vorsitzende Bela Bajaria das Projekt zuversichtlich. Ob die kreativen Köpfe hinter der Serie der Herausforderung DRACULA tatsächlich gewachsen sind? Zumindest handelt es sich nicht um gänzlich unbekannte Filmschaffende. Das Team hinter den TUDORS hat sich wiedervereint und will man DRACULA als Legende um den doch tatsächlich realen Grafen Vlad III. auslegen, so sollten die Hände jener Menschen, die die reale, wenn auch modernisierte Geschichte um den viel gefürchteten Henry VIII. für ein junges TV-Publikum wiederbelebt haben, doch auch vertrauenswürdige Hände für den noch mehr gefürchteten Dracula sein.

Auf ähnliche Weise sollte der Mann, der sich trotz allseits infrage gestellter Ähnlichkeit einem Millionenpublikum glaubwürdig als Henry VIII. und damit gefährlichster und mächtigster Mann Englands verkauft hat, definitiv fähig sein, sich selbigem Millionenpublikum als gefährlichster und mächtigster Graf zwischen Leben und Tod zu verkaufen. Spricht man also von der Wiedervereinigung des Tudor-Teams, dann bezieht sich das längst nicht auf die Crew hinter den Kulissen. Was sich einmal bewiesen hat, wird sich noch einmal beweisen – so oder ähnlich wird man bei der Besetzung gedacht haben, denn wie schon im Falle der Tudors hat irischer Golden-Globe-Preisträger Jonathan Rhys Meyers Co-Produktion und mörderische Hauptrolle unter dem mystischen Fluch der Unsterblichkeit übernommen. Wo sogar Regie-Legende Woody Allen ihn seit der gemeinsamen Arbeit an Drama MATCH POINT als einen Schauspieler bezeichnet, der wie kein zweiter alle Gegensätze und Konflikte der Menschheit in sich vereint, wirkt es fast, als habe man Rhys Meyers die Rolle des lüsternden Vampirs zwischen Liebe und Hass, Verführung und Abstinenz, Rache und Erlösung direkt auf den vielbegehrten Leib geschrieben.

Was kann da noch schief gehen? Kaum etwas, wie die Pilot-Folge beweist. Dargestellt wird Draculas Ankunft in London. Als Unternehmer Alexander Grayson gibt er vor, der viktorianischen Gesellschaft Strom liefern zu wollen. In Wirklichkeit plant er Rache an allen, die für den Tod seiner Frau verantwortlich sind. Moment: Rache – Grayson – ist das etwa ein Verweis auf derzeit mit erfolgreichste Dramen-Serie REVENGE, die von Amanda Clarks Doppel-Persönlichkeit und ihrere Rache an den allmächtigen Graysons handelt? Wie Amanda in REVENGE hat sich Dracula mit seinem Helferlein einen ganzen Haufen Bilder seiner Zielpersonen zusammen gesammelt und lädt sie alle erst mal auf eine Party ein, um den ersten Stein für seinen Racheplan zu legen. Apropos Anspielungen und Verweise: Selbstverständlich darf in keiner Dracula-Annäherung Van Helsing fehlen, der in der NBC Interpretation innovativer Weise mit dem Lord der Vampire zusammen arbeitet. Verkörpert wird er in der Neuinterpretation von Thomas Kretschmann, der selbst bereits in den Frack von Dracula schlüpfen durfte. Solcherlei kleine Dinge lassen die erste Episode Eindruck hinterlassen – sei es neben ein paar netten Referenzen ein kleiner Seitenblick, in den der Lord der Untoten all seine Anziehungskraft legt oder eine kleine Geste, die Draculas innersten Konflikt andeutet.

Klar stellen tut DRACULA 1×01 mit Milieu-Beschreibung und Figureneinführung vor allem den eigenen Staus: Die Serie ist nicht Dracula Reloaded, sondern, wie von den Produzenten versprochen, Dracula Reborn. Dabei kommt der Mensch Vlad III. beinahe einer schizophrenen Persönlichkeit zwischen dem Fluch Dracula und dem schönen Schein Grayson gleich. Seine Rachegelüste wurzeln – wie könnte es anders sein – in seinem bisschen Menschlichkeit. Die Umsetzung ist dem bestialichen Biest überlassen. Jonathan Rhys Meyers in einer Doppel- oder Dreifach-Persönlichkeit – das könnte alle potenziellen Zuschauer, wie durch SHELTER erwiesen, tatsächlich „glücklicher machen” als “Gott selbst in seinem Paradies“. In Sachen Feingefühl und Präsenz reicht dem 36-Jährigen so schnell niemand das Wasser und das beweist er auch im Dracula Pilot – so beispielsweise wenn er aus dem Mantel der Nacht heraus und durch den seidenen Schleier der Bedrohlichkeit hindurch hin- und her gerissen sein neuestes Objekt der Begierde beobachtet. Als einem Meister der Akzente – seien es solche emotionaler oder sprachlicher Art – kauft man ihm auch den Schein-Amerikaner Grayson ab. Nur während dessen Strom-Rede passiert etwas Gewöhnungsbedürftiges: Er wechselt in exakt die Stimmlage und den Sprechrhythmus, den der regelmäßige TUDORS-Zuschauer unweigerlich mit King Henry assoziiert – nachvollziehbar und nicht weiter tragisch, für den ein oder anderen im schlimmsten Fall aber ein wenig verwirrend. Lächeln lässt einen ungeachtet dessen die Tatsache, dass Grayson als “Energielieferant” auftritt, denn Energielieferant – wenn das filmisch betrachtet auf jemanden zutrifft, dann gut möglich auf Rhys Meyers.

Visuell ist Graysons Strom-Rede ein wahrer Augenschmaus. Als der Gastgeber Glühbirnen an seine Party-Gäste verteilt und die Menge zum Leuchten bringt, möchte man von einem magischen Moment mit poetischen Qualitäten sprechen. Die glühende Faszination für das Unsterbliche, Bestialische und Unheimliche erhält hier eine neue Dimension. Auch abgesehen davon entfaltet der Pilot eine für eine TV-Produktion ungewöhnlich ergreifende Bildsprache: Wann immer sich das Bild in Licht – das Gute – und Dunkel – das Böse – teilt, entwickelt sich eine Dynamik, die unter die Haut geht. Als Dracula wiederum sein erstes Opfer zerfleischt und das Blut nur so gegen die weiße Säule spritzen lässt, kann man nicht viel anders, als von der Ästhetik des Grauens zu reden. Für Grauen ist während der ersten Episode übrigens genug gesorgt, denn schon im Flashback-Einstieg fließt Blut zur Genüge. Die herrlich unheimliche Kulisse verleiht den überraschend intensiven Gore-Momenten einen stilvoll-ästhetischen Touch. Ähnliches gilt für die ausschweifenden Kampf-Szenarien über den Dächern der Stadt.

Weder visuell, noch darstellerisch gibt es hier wirklich etwas zu bemängeln. Narrativ und dialogisch kann die Produktion sich durchaus noch steigern – dass sie das tun wird, will man zumindest nicht bezweifeln, denn vorbereitet wird in der ersten Folge so einiges. Nutzt DRACULA alle Ecken und Kanten, die der Pilot anlegt, dann wird die Serie womöglich für alle zukünftigen Interpretationen neue Standards setzen – dem Mut der Produzenten inklusive Rhys Meyers sei es gedankt.

by Sima Moussavian

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