Bates Motel

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Dass “Max Thierot going psycho” ein durchaus erfolgsversprechendes Filmkonzept sein kann, hat sich mit “House at the Ende of the Street” unlängst erwiesen. In den USA ist der 25-Jährige nun in der neuen Suspense-Serie “Bates Motel” zu sehen. Siehe da sollte auch deren Konzept durch den Ausdruck “going psycho” auf mehr als nur einer Ebene erfasst sein. So nimmt die A&E Serie sich der Story um Serienkiller Norman Bates an, der die Leinwand erstmals als zentrale Figur von Alfred Hitchcocks “Psycho” eroberte. Bei dem Film handelt es sich um eine Adaption von Robert Blochs gleichnamigem Roman, die die filmische Darstellung von Gewalt und Sexualität enttabuisierte und die Horrorfilmgeschichte durch einschlägige Kompositionen wie seine fast historische Dusch-Szene prägte. Das bloße Wissen über ein Serien-Projekt, das sich an Hitchcocks “Psycho” aus den 60ern heranwagt, bereitet einem nun gerade wegen des Kults um “Psycho” unwohle Gänsehaut – das nicht etwa aus den Gründen, aus denen ein guter Horrorfilm einem mit all seinem Grauen Gänsehaut spüren lässt. Der Gedanke an eine episodische Adaption von “Psycho” stellt einem vielmehr wegen des Grauens die Haare auf, zu dem die Umsetzung eines solchen Projekts erfahrungsgemäß werden kann. So möchte man den mutigen Filmemachern hier doch ähnlich wie allen naiven Horrorfilmcharakteren auf der Leinwand zurufen “Don’t go there! Tu das nicht!”, weil man das Grauen schon kommen sieht. Wer könnte wohl auf die irrsinnige Idee kommen, einen epischen Kultfilm wie “Psycho” zu einer modernen Serie umzustricken, wenn “Psycho” die Latte derart hoch gehängt hat?

Carlton Cuse, Kerry Ehrin und Anthony Cipriano – das sind sie, die Menschen hinter jener irrsinnigen Idee. Von Cuses vorausgegangenem Werk sollte dabei jeder gehört haben. So entwickelte der Golden-Globe-Preisträger die Mystery-Serie “Lost”, die, obgleich nach den ersten Staffeln kaum mehr stimmig, zumindest in ihrer Anfangsphase einen interessanten Spannungsbogen führte, der Millionen von Zuschauern TV-süchtig werden ließ. Noch einmal also die Frage – wie kommt Golden-Globe-Preisträger Cuse wohl auf die irrsinnige Idee, mit “Bates Motel” ein derart gewaltiges Erbe wie das von “Psycho” anzutreten? Tatsächlich stellt sich die Idee hinter “Bates Motel” nach der ersten Staffel nicht als irrsinnig, sondern irre sinnig heraus. Vor allem liegt das daran, dass “Bates Motel” nicht etwa “Psycho” nacherzählt, sondern als episodisches Prequel zu Hitchcocks bahnbrechendem Horror-Klassiker interpretiert werden kann. Obgleich die Serie klare Kontinuität mit ihrem filmischen Vorbild hält, ist es die Freiheit des Prequel-Charakters, die Cuses Idee stimmig macht. Das TV-Projekt Bates ist nicht etwa “Psycho Reloaded”. Vielmehr ist “Bates Motel” eben “Bates Motel” – eine eigene Geschichte um einen introvertierten, psychisch verwirrten Jungen (Freddie Highmore), der in vollständiger Abhängigkeit zu seiner dominanten Mutter steht.

Wie Cuse dem Deadline-Team unlängst in einem Interview verraten hat, ist nicht etwa “Psycho” die Hauptinspirationsquelle für “Bates Motel” gewesen, sondern die 90er Jahre Serie “Twin Peaks”. Stimmung und Atmosphäre von “Psycho” sind in den ersten Episoden “Bates Motel” trotz dessen spürbar. Einen gerechtfertigten Anschluss an dessen Handlung bates_motel_2findet die Serie genauso gut, doch ist Cuses Inspirationsquelle “Twin Peaks” tatsächlich ebenso wahrnehmbar. Offenbar wollte Cuse sich nicht allein mit filmischer Berichterstattung über die Anfänge von Serienkiller Bates zufrieden geben. Statt sich auf dessen Irrsinn zu konzentrieren, weitet sich der Fokus von “Bates Motel” auf eine gesetzlose Kleinstadt aus, in der jeder das ein oder andere Geheimnis bewahrt und die Bates vielleicht noch als gewöhnlichste Einwohner durchgehen. “Bates Motel” adaptiert Psychos Charaktere in eine von “Twin Peaks” adaptierte Szenerie des Irrsinns, wobei sich jenes Konzept schnell zu Künstlichkeit und seichter Unglaubwürdigkeit steigert. Das kann man genauso gut kritisieren, wie als gelungene Hommage an die Machart von Filmen der 60er loben. Zumindest lässt die gewagte und zusammen-adaptierte Kombination aus Psycho(pathen)-Kleinstadt und erwartungsgemäßem Bates-Irsinn eine eigene, unterhaltsame und verstörende Geschichte entstehen, die gerade von ihrer Varianz zu Kult-Klassiker “Psycho” lebt und sich zu einem expressionistischen Portrait des vollständigen Wahnsinns ergänzt. Echt wirkt “Bates Motel” nicht unbedingt und das ist wohl auch gar nicht der Anspruch. Vielmehr will die Serie ein Adaptions-Experiment sein, das eine genauso abgehobene und unvorstellbare, wie grauenvolle und fürchterliche Realität der Geisteskrankheit erbaut und den Zuschauer schon durch ihre Ungewöhnlichkeit und Unvorhersehbarkeit in sich aufsaugt.

Mag man nun annehmen, alles bisher Genannte sei längst nicht die größte Herausforderung für das Projekt “Bates Motel” gewesen, so könnte das durchaus der Wahrheit entsprechen. Wer Kult-Charaktere wie Norman und dessen Mutter Norma Bates adaptieren will, der sollte wohl am meisten mit deren würdiger Besetzung zu kämpfen haben. Überraschenderweise kann die Serie in Sachen Besetzung punkten. So macht Oscar-Preisträgerin Vera Farmiga nicht nur eine unnachahmlich wahnsinnige Norma Bates, auch steht Freddie Highmores Interpretation des Norman Bates zwischen beherrschter Zartheit und kontrolllosem Wahnsinn der Darstellung von ursprünglichem Norman-Darsteller Anthony Perkins in kaum etwas nach.

Das Konzept Vera Farmiga und Freddie Highmore “going psycho” läuft vortrefflich und Max Thierot als einziges Bates-Mitglied bei Sinnen gibt dem Zuschauer in der Szenerie des vollständigen Wahnsinns zumindest eine Person, mir der sich identifiziert werden kann – eine Erdung, ohne die “Bates Motel” gut möglich nicht zu ertragen wäre. Zu hoffen bleibt, dass Cuses Serie nach ein paar Staffeln nicht das Schicksal seines Vorgängerprojekt “Lost” ereilen wird. Bisher zumindest sieht es für das Projekt und seine relativ innovative Machart, die “Psycho” auf ihre ganz eigene Weise würdig ist,alles andere als schlecht aus. “Psycho” ist “Bates Motel” auf seine ganz eigene Weise würdig.

by Sima Moussavian

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