American Horror Story – Hoch gelobt und tief gefallen?!

american_horror_story

Es war einmal ein Entwicklerteam, das erkannte, dass dem Fernsehen etwas fehlt: eine brutale Haunted-House-Serie, die es mit den besten Horrorfilmen ihrer Zeit aufnehmen kann. Erkannt und umgesetzt – Ryan Murphy und Brad Falchuk überwanden sich, ihre Vorgängerprojekte “Nip Tuck” und “Glee” hinter sich zu lassen und es unter dem Titel “American Horror Story” mit einem gänzlich neuen Konzept zu versuchen.

Ein bisschen Vergangenheit der Entwickler lässt sich doch noch in der Serie ausmachen, denn von “Nip Tucks” offenen Sex-Szenen und haarsträubenden, chirurgischen Eingriffen profitiert Falchuk und Murphys Haunted-House-Serie auf ihre ganz eigene Weise. Apropos Vergangenheit – jene bildet den konzeptuellen Rahmen für die erste Staffel “American Horror Story”. So zieht die dreiköpfige Harmon-Familie in ein Haus, dessen grausame Vergangenheit unschönen Einfluss auf die Gegenwart nimmt. american_horror_story_2Die Harmons werden von ihrem neuen Anwesen in den Wahnsinn getrieben – sei es über solche unter der Oberfläche schlummernden Familienkonflikte oder über die sexuellen Wünsche der Bewohner, die einen nicht unbedeutenden Strang der Story ausmachen. Dass das nackte Grauen des Horrorfilms seit jeher auf die Nacktheit seiner Protagonisten setzt, wissen Falchuk und Murphy offenbar nur zu gut. Bei der Inszenierung der Nacktheit schaffen sie es auch zum nackten Grauen. In diesem Fall jedoch eher zum Grauen über die Umsetzung, denn ob sie nun Ehebruch und Selbstbefriedigung thematisieren oder einen in Latex gekleideten Vergewaltiger losschicken, an dessen Übergriffen Mutter Vivien schließlich sogar Gefallen findet – echt und horrorfilmtauglich wirkt der sexuelle Strang der Serie meist nicht. Falchuk und Murphy bemühen sich, aber sie bemühen sich ein wenig zu sehr und verlieren sich in der Planung besonders schockierender Sex-Szenen, die gerade durch das akribische Durchkonstruieren kaum mehr schockierend wirken. Da war es wohl nichts mit dem Tabubruch, der im Genre nun mal nötig ist, um Kultstatus zu erreichen. Auch das war Flachuk und Murphy offenbar klar und zuweilen wünscht man sich, es wäre ihnen nicht klar gewesen. Ein Werk, das es zu sehr versucht, fühlt sich zuweilen unangenehm an.

Sieht man von Nacktheit und Sex-Szenen ab, so lässt sich durchaus erkennen, warum “American Horror Story” vieler seits größtmöglicher Erfolg vorausgesagt wurde. Die Opening-Sequenz voller chirurgischer Accessoires, voller Embryos in Gläsern und effektiver Horror-Geräusche setzt nette Genre-Bezüge. Farben und Ton fusionieren im Verlauf der Serie zu überraschend gelungener Grusel-Atmosphäre und tatsächlich gelingt es “American Horror Story” in jeder Episode zumindest einen Schock-Moment zu streuen, den wohl niemand aus der Zuschauerschaft vorhergesehen hätte. Die lobenswerteste Idee jedoch bleibt die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart des Hauses. So eröffnet jede Episode zunächst mit einem Flashback in die grausamen Geschehnisse der Vergangenheit, wobei sich die Handlung der Gegenwart an jenen orientiert. Es bleibe dahin gestellt, inwieweit schließlich noch glaubwürdig ist, dass im Anwesen der Harmons all jene Morde geschehen sind, die uns in den Flashbacks offenbart werden. Zumindest war der innovative Konzept-Gedanke da. Wert ist auch das schon einiges – ähnlich steht es um Genre-Bezüge über Einzelcharaktere, Hintergrundgeschichten und szenische Inszenierungen. Gezeigt werden all die Morde für eine Serie übrigens sehr offenherzig, wenn man auch kaum von Gore- oder Splattermomenten sprechen möchte.

“American Horror Story” versucht sich daran, Dekaden der Horrorgeschichte in einer einzigen Staffel zu verpacken und obgleich die Serie dadurch überladen wirkt, kann doch nicht von einem gänzlich misslungenen Versuch gesprochen werden. Mal nachvollziehbare, mal gewagte Verknüpfungen werden geschaffen, sodass die Episoden bis zum Staffelfinale wenigstens im Fluss bleiben. Das Finale schließlich enttäuscht ein wenig, doch kaum ein Haunted-House-Closing in der Geschichte des Genres hat überzeugt. Wahrscheinlich hat “American Horror Story” da gar nicht mal schlecht daran getan, ein absichtlich lächerliches, statt todernstes Finale zu inszenieren.

Lässt sich die erste Staffel der Serie für sich eher positiv bewerten, so geschieht in der zweiten Staffel, was sich in der ersten schon unterschwellig angedeutet hat: “American Horror Story” verliert sich in all seinen Genre-Bezügen, in all seinen Wendungen und in dem Wunsch, möglichst viel und möglichst Schockierendes in nur einer Staffel unterzubringen. Erste und zweite Staffel stehen in wenig Zusammenhang. Positiv anrechnen muss man den Entwicklern, dass schon die Opening-Sequenz den Bruch zur ersten Staffel deutlich macht. american_horror_story_3 So ist jene nicht etwa die der ersten Staffel, wie bei Serien für gewöhnlich der Fall. Es handelt sich um ein gänzlich neues Arrangement, das sich ähnlicher Mittel bedient, wie das erste und doch darauf vorbereitet, dass die Serie mit Staffel 2 eine gänzlich neue Geschichte erzählen will. Das Flashback-Gegenwarts-Konzept wird in umgekehrter Reihenfolge wieder aufgegriffen, was zumindest konzeptuell einen klugen Zusammenhang schafft. Ein Tommy Hewitt ähnlicher Massenmörder, ein Irrenhaus, ein unschuldig Verurteilter, ein verrückter Nazi-Arzt, dessen geisteskranke Versuchsreihe und eine Enthüllungsjournalistin, die zum Opfer wird – all das gelingt es der zweiten Staffel, fließend miteinander zu verbinden, obgleich der Nazi-Arzt, wohl eigentlich als Tabubruch gedacht, ein wenig aus der Geschichte herausfällt. Was der Serienzusammenhang schließlich nicht mehr verschmerzen kann, ist ein mit fortschreitender Episodenzahl immer relevanterer Handlungsstrang, der sich um – bitte setzen – Aliens dreht. Was zu viel ist, ist einfach zu viel und fügen sich alle anderen Bruchstücke der Handlung gegen Staffelende auch zu einem einigermaßen nachvollziehbaren Bild zusammen, so wirkt das Alien-Thema wie ein Massenmörder bei der Pediküre. Zuliebe der Serie könnte man vielleicht noch davon ausgehen, dass “American Horror Story” jenen Strang angelegt hat, um den Ausgang so vieler Horrorfilme der letzten Dekaden zu kritisieren – wahrscheinlich ist das nicht die Wahrheit, aber einreden kann man es sich der Serie zu Liebe zumindest…

So hoch die Horror-Serie zunächst auch gelobt wurde, so viele Ungereimtheiten, Überladenheiten und Brüche lassen sich gegen Ende von Staffel 2 zusammenfassen. Eine Nachfolger-Serie in dieser Art wird mit Sicherheit nicht funktionieren. Dass man “American Horror Story” ansieht und unterhaltsam findet, hat definitiv wenig mit einer einwandfreien Umsetzung zu tun, sondern viel eher damit, dass eine Serie dieser Art nie dagewesen ist. Wie lange “American Horror Story” sich noch von ihrer innovativen Basis nähren kann, bleibt fraglich. Über kurz oder lang wird die Neuartigkeit nicht mehr genug sein, um Zuschauer halten zu können. Es bleibt also zu hoffen, dass Staffel 3 aus den Fehlern der Vorgänger gelernt hat.

by Sima Moussavian

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>