Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

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In erstaunlichen Traumbildern erzählt Ben Stillers ERSTAUNLICHES LEBEN DES WALTER MITTY die Geschichte eines tagträumenden Bild-Journalisten, der sich entscheidet, zum Macher zu werden.

“Mit Träumen beginnen Verantwortungen.”so wusste Schriftsteller Delmore Schwartz und Ben Stiller wird der Verantwortung seiner Wiederbelebung von Thurbers Kurzgeschichte durch die Bank gerecht. Offensichtlich ist Stiller ein genauso guter Regisseur wie Schauspieler: Mit seinen vielschichtigen Kamerahaltungen übt er sich im Spiel mit Nähe und Ferne, Hell und Dunkel, Höhe und Tiefe. Dabei gibt er Walter Mittys flairiger Traumwelt eine atemberaubende Dichte und abwechslungsreiche Abenteuerlichkeit, die den Zuschauer den Protagonisten besser verstehen lässt. Als Walter die Verantwortung seiner Tagträume erkennt und vom Träumer zum Macher transformiert, entwickelt Stillers Schauspiel außerdem eine von ihm selten gesehene Nuancenhafigkeit und Allfarbigkeit, die sich mit der satten Farbenvielfalt der Seelenpanoramen vernetzt, um eine vielschichtige Narration zu bilden. Jedem Element von Walters Träumen gibt Stiller einen Gegenpol in der Realität. Wie animistische Kulturen es seit Urzeiten wissen, formt sich die Realität erst in der Traumwelt aus und für Stillers Verständnis von Walter Mitty scheint es wahr zu sein, denn sein Filmkonzept lebt von einer dynamischen Wechselwirkung zwischen Träumen und Leben. Dass Stillers Protagonisten-Interpretation zuweilen etwas an Steve Carells Eigenling aus DINNER FÜR SPINNER erinnert, lässt Walter noch liebenswerter wirken, als sich eine Stiller-Dartellung bis dato je angefühlt hat. Statt auf derben Humor und Albernheit setzt der Hauptdarsteller und Regisseur dieses Mal auf ergreifende Intimität und ehrliche Emotionalität.

Wie Stiller allen Traumelementen eine Daseinsberechtigung für Walters Transformation verleiht, füttert Drebuchautor Steven Conrad auch jede seiner Figureneinführungen mit natürlichem Sinn. Sean Penns Figur des berühmt berüchtigten Sean O’Connell, Star unter den Foto-Journalisten, wird als formelhafter Gegenpart zu Protagonisten Walter eingeführt, doch überraschenderweise darf Penn die Vielfarbigkeit seines schauspielerischen Charmes in seinen kurzen Auftritten schließlich doch voll und ganz ausspielen und der Narration dabei einen weiteren Layer zufügen. O’Connell schüchtert Walter ein, er scheint ihn zu bedrohen, doch weckt er ihn auf und gibt ihm die große Lebenschance, die ihn zum Macher werden lässt. Charakter-Darsteller Penn meistert die Schwebe zwischen ermutigendem, herausforderndem und entmächtigend kaftvollem Charisma mit Leichtigkeit und gibt einem zuweilen das Gefühl, dass er das Image zwischen Bewunderung, Einschüchterung und Ermutigung nur allzu gut aus persönlicher Erfahrung kennt.

Vielleicht hat Stillers Konzept sich mit den kraftvollen Seelenaufnahmen Mittys etwas verausgabt. Das würde zumindest erklären, warum die Liebe, die Walter in der Realität findet, derart wenig emotionale Kraft entwickelt. Da der Zuschauer die kraftvoll erstaunlichen Bilder von Walters Traumwelt gewohnt ist, will er die zart romantische Realität wenig erstaunlich finden und träumt sich kurzerhand in Mittys Tagträume zurück, anstatt sich auf Kirsten Wigs Darstellung von Walters großer Liebe Cheryl einzulassen. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, auf das Romantik-Element zu verzichten. Zwar stellt Steven Corads Drehbuch eine sinnvolle Vernetzung und Kausalbeziehung zwischen Romanze, Mittys Träumen und seiner Realität her, die bleibt aber anders als alle anderen Elemente des Films ein wenig sterril und schemenhaft.

Das lustvolle Spiel mit Gegensätzen spitzt sich gegen Ende des Films zu, um schließlich vereint zu werden: Wie man es vom Leben sagt heben alle thematischen Oppositionen des Films sich in der zweiten Hälfte schrittweise auf. Das Prinzip von Walter Träumen, die Möglichkeit des Unmöglichen, wird auf seine Realität übertragen, sodass sogar der handlungstreibende Unterschied zwischen Traum und Leben ausgeglichen wird. Der Zuschauer wird nicht etwa in Kitsch aus dem Film entlassen, sondern mit einem herzerwärmenden Gefühl der Harmonie, mit dem sich vortrefflich in das Jahr 2014 starten lässt. Das runde Konzept des ERSTAUNLICHEN LEBEN DES WALTER MITTY lässt in schauspierlisch und bildtechnisch satter Farbenvielfalt träumen und ermutigt, der Verantwortung der eigenen Träume gerecht zu werden. Der Kinobesuch ist ein Muss!

by Sima Moussavian

Infos zu Das erstaunliche Leben des Walter Mitty
 
Kinostart01.01.2014
Länge114 Minuten
GenreKomödie, Abenteuer
Regie Ben Stiller
DarstellerBen Stiller,
Sean Penn,
Adam Scott
u.a.
Verleih20th Century Fox
Punkte8/10

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