American Sniper

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Mit dem Biopic AMERICAN SNIPER hat Clint Eastwood ein packendes aber zugleich unkritisches Heldenepos inszeniert


Dass Clint Eastwood besonders bei seinen späten Werken als Regisseur ein feines Händchen für ergreifende Geschichten mit komplexen Inhalten hat, lässt sich zweifelsfrei an eindrucksvollen Dramen wie MYSTIC RIVER und MILLION DOLLAR BABY konstatieren. Sobald aber die patriotische Seite des renommierten Filmemachers die Überhand gewinnt, wirkt das gerade aus europäischer Sicht häufig befremdend. So auch in dem auf der Autobiographie des US-amerikanischen Soldaten Chris Kyle basierenden Kriegsdrama AMERICAN SNIPER, das zwar mitreißend erzählt ist, dabei aber die moralischen Fragen bezüglich der Grausamkeit des Krieges lediglich andeutet.

Schon in seiner Kindheit erlernt Chris Kyle (Bradley Cooper) von seinem Vater den Umgang mit Waffen bei der Jagd in den texanischen Wäldern – und erhält zudem strenge Lektionen darüber, was Recht und Unrecht ist. Nachdem sich Kyle als Erwachsener zunächst als Rodeo-Cowboy durchschlägt, erwacht in ihm sein Nationalstolz, als er von den Terroranschlägen auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia im Jahre 1998 hört. Voller Tatendrang meldet er sich freiwillig beim Militär und wird bei den Navy SEALs zum Scharfschützen ausgebildet. Als die Vereinigten Staaten nach den Ereignissen des 11. Septembers gegen den Irak in den Krieg ziehen, muss Kyle sein können als Sniper unter realen Umständen unter Beweis stellen und soll schon bald zur Legende unter seinen Kameraden werden…

AMERICAN SNIPER startet mit einem unrühmlichen Paukenschlag: Scharfschütze Kyle muss eine Mutter und ihren Jungen erschießen, die gerade im Begriff sind, eine US-amerikanische Einheit mit einer Granate in die Luft zu sprengen. Wer jetzt aber glaubt, Regisseur Clint Eastwood lässt seine Hauptfigur durch diese Tat in einen inneren Konflikt geraten, sieht sich getäuscht. Stattdessen wird der Navy SEAL im Verlaufe der Inszenierung immer wieder als Held und Legende gefeiert – als Scharfschütze mit extrem hoher Trefferquote, durch den sich die Truppe am Boden sicher fühlt. In der Logik der Soldaten macht das sicherlich Sinn, während man sich als Zuschauer dennoch fragt, warum die Hauptfigur nicht mit den Konsequenzen seiner Handlungen hadert. Auf die Frage eines Psychologen, ob er die vielen Toten, die er zu verantworten hat, bereue, erwidert Kyle trocken, dass er gerne noch viel mehr Feinde getötet hätte, wenn dadurch weitere Kameraden am Leben geblieben wären. Lediglich als erneut ein irakischer Junge kurz davor ist, eine schwere Waffe gegen Amerikaner einzusetzen, um die Aktion dann doch abzubrechen, atmet der Scharfschütze mit dem Gewehr im Anschlag erleichtert auf.

Auch wenn Kyle zwischen den Einsätzen Zuhause bei Frau und Kind ist, kann er nur an die nächste Mission denken. Kritische Töne hingegen kommen von seiner Ehefrau Taya (Sienna Miller) – die vom Krieg die Nase voll hat – und von seinem Bruder, der ebenfalls ins Kampfgebiet gesendet wird, und in einer kurzen Szene den Konflikt zwischen den USA und dem Irak als Ganzes in Frage stellt. Bis auf diese kleinen Ausnahmen gibt es keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Irakkrieg. Stattdessen setzt Eastwood auf das actionreiche Duell zwischen dem amerikanischen und einem irakischen Scharfschützen. Dabei sind das Tempo hoch, die Bilder rasant und die Spannung greifbar. Kyle allerdings funktioniert im Gefecht stets wie eine Maschine, wodurch ihm ein Teil seiner Menschlichkeit abhandenkommt, und eine Identifikation mit dem vermeintlichen Helden schwer fällt – solange man als Betrachter nicht alles gut heißen will, was die amerikanischen Truppen im Irak bewerkstelligt haben.

by Stefan Huhn

Infos zu American Sniper
 
Kinostart26.02.2015
Länge132 Minuten
GenreBiopic/Kriegsfilm/Drama
Regie Clint Eastwood
DarstellerBradley Cooper,
Sienna Miller,
Luke Grimes
u.a.
VerleihWarner Bros. Pictures
Punkte6/10

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