Inside Llewyn Davis

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Im Ringkampf Welt-gegen-Mensch siegt wie bei den Coens üblich das dramatische Weltprinzip – doch dieses Mal schafft es das Regie-Duo, einem das Schicksal des Protagonisten an die Substanz gehen zu lassen.

Für die Coen-Brüder ist ein filmischer Ausflug in die Folk-Musik seit ihrer “Trottel-Trilogie” nichts Neues. Genauso gut kennen sie sich seit ihren drei satirisch-dramatischen Weltporträts mit dem Motiv der Odyssee aus, das nun auch INSIDE LLEWIN DAVIS steuert. Bislang hatten sie Odyssee und Folk-Musik zumindest nicht gemeinsam im selben Film behandelt, doch das holen sie mit INSIDE LLEWYN DAVIS nach. Auch diesmal arrangieren sich die fatal-dramatischen Dynamiken des Coen-Weltprinzips um das, was manch ein Trottel liebevoll einen Trottel nennen würde: Im Fokus der Aufmerksamkeit steht der leidende Folk-Musiker Llewyn Davis, der während der 60er Jahre in der Manhattener Szene musikalische Erfüllung finden will und auf seiner Odyssee durch Bars, Kneipen, ungewollte Schwangerschaften und andere Widrigkeiten des Lebens seinen Weg verliert – wenn er denn je einen hatte. Im Ring mit der Welt fängt Llewyn so manch einen Schlag ein, bevor er in vollständige Ohnmacht verfällt und sich als dramatisch gescheiterte Figur geschlagen gibt. Das deuten die Coens schon in der Eröffnungssequenz des Films an: Hier wird der eigenbrötlerische Llewyn gleich kräftig vermöbelt. Eine äußerst passende, erste Szene, die implizit für jeden beliebigen Coen-Film eine Rolle spielt und in INSIDE LLEWYN DAVIS explizit für all jene aufgegriffen wird, denen sich die Coen-Ideologie bis hierher nicht erschlossen hat.

Obwohl die Coens sich erneut einer Art “Trottel” annehmen, ist Llewyn Davis – nicht zuletzt dank Oscar Isaacs hervorragender Darstellung – nicht etwa die Art Trottel, dem man das Scheitern in der Coen-Welt wünscht. Auch über Llewyn üben die Coens ihren typischen Charakter-Humor, doch Bildkompositionen und mit ihnen narrative Haltung der Kamera bringen einem Llewyn derart nahe, dass sein Scheitern gefühlt zum eigenen wird. Zum ersten Mal in der Geschichte des Coen-Films bekommt man als Zuschauer das Gefühl, dass das Weltprinzip der Coens hinter den persönlichen Weg des Protagonisten zurück tritt. Llewyn ist mehr als ein Konstrukt, das die humoristische Dramatik der Coen-Ideologie stützt – vielmehr scheint es, als wäre er lange vor der Ideologie da gewesen. Jene gefühlte Ursprünglichkeit gibt dem intimen Handlungsverlauf eine poetische Dimension, die vom Zuschauer mit entsprechend hoher Affektivität erlebt wird.

Außenseiter, Künstlermilieu und typischer Coen-Charme treffen auf Oscar Isaac. Zwar geben die Coens detailverliebt die Atmosphäre der rauchigen Folk-Bars wieder, zeichnen in ambivalenten, polaren und humorvollen Farben alle erdenklichen Arten der Künstlerpersönlichkeit und lassen hinter die samtenen Gammel-Vorhänge einer transformierenden Musikszene blicken, doch im Großen und Ganzen geht es hier nicht um das Milieu, nicht um die Welt, nicht um das Coen-Prinzip – in INSIDE LLEWYN DAVIS geht es vordergründig schon wegen Isaacs starker Präsenz einfach nur um Llewyn. Die darstellerische Bandbreite, die er bei dessen Darstellung beweisen darf, schreit schon fast nach Oscar für Oscar. Ähnlich tut es die feinfühlige und Art und Weise, mit der die Coens die musikalische Dimension mit der Filmischen vernetzt haben. So flairig, komisch-dramatisch, detailreich, ambivalent und packend ist die Welt der Folk-Musik also, wenn man sie in die Welt der Coens überführt…

by Sima Moussavian

Infos zu Inside Llewyn Davis
 
Kinostart05.12.2013
Länge105 Minuten
GenreBiografie/Musik
Regie Ethan Coen,
Joel Coen
DarstellerOscar Isaac,
Carrey Mulligan,
Justin Timberlake
u.a.
VerleihStudiocanal
Punkte9/10

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