Hannah Herzsprung Interview (“Die Hüter des Lichts”)

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Spätestens 2011 im kritischen Klima–Thriller “Hell” hat Hannah Herzsprung ihr höllisches Schauspieltalent bewiesen. Nun hat es die 31-Jährige mit den “Hütern des Lichts” zum ersten Mal ins Voicing verschlagen – und dann gleich in eine so anspruchsvolle Synchronisierung, denn wie die Sissy aus “Ludwig II.” berichtet, überschlägt sich ihre Zahnfee beim Reden geradezu. Da mag man kaum darauf kommen, dass es sich bei den “Hütern” eigentlich um einen besinnlichen Weihnachtsfilm handelt, doch Weihnachtsgeist beweist Hannah bei unserem Gespräch trotzdem: Wie sie uns erzählt, macht sie leidenschaftlich gerne Geschenke…

Das hier war deine erste Voicing Rolle. Wie war der Einstand?

Super. Ich wollte das schon immer machen, aber es hat vorher nie geklappt. Ich bin daher mit sehr hohen Erwartungen in dieses Projekt gegangen, aber sogar die wurden übertrumpft. Beim Spielen wird man ja als Ganzes wahrgenommen und beim Voicing geht es wirklich nur um die Stimme. Da entstehen dann solche Situationen, dass man beispielsweise bei einer freudigen Szene grinst wie ein Honigkuchenpferd und der Regisseur dann sagt: Ein bisschen freudiger! – sodass man denkt, man kann ja kaum mehr strahlen. Aber der sagt das nun mal der Stimme wegen. Das war sehr interessant für mich. Manchmal war es aber auch schwierig: vor allem am Anfang, weil die Zahnfee so schnell redet. 

Ist es beim Voicing schwieriger, eine Beziehung zu der Figur aufzubauen?

Nein, ich hatte aber auch eine tolle Vorlage von Isla Fischer, die die Zahnfee im Original gesprochen hat. Man darf sich nur nicht blöd vorkommen, wenn man im Studio mit vollem Körpereinsatz herumturnt. 

Die Zahnfee ist Hüter der Kindheitserinnerungen. Hast du eine Kindheitserinnerung, die dir auch heute noch sehr oft in den Kopf kommt?

Ja, die Erinnerung an die Zahnfee und den anderen Hütern des Lichtes. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Ich habe auch alle meine Milchzähne unters Kissen gelegt und am nächsten Tag gab es eine Überraschung. Ich kenne die Zahnfee also aus meiner Kindheit und deshalb war für mich gleich klar, dass ich das sehr gerne machen will. Im Film kommt die Zahnfee meiner Kindheitsvorstellung von ihr sehr nahe. Auch an den Weihnachtsmann und den Osterhasen habe ich geglaubt. 

Und an den schwarzen Mann?

Auch, aber nicht sehr. Als Kind habe ich manchmal Angst im Dunkeln gehabt und deshalb gerne mit Licht geschlafen oder bin zu meinen Eltern ins Bett gekrabbelt, damit sie mich beschützen. 

Wie viel Kind bist du noch? 

Ich glaube, man trägt immer ein Stückchen Kind in sich und manchmal hat man eben Erlebnisse, in denen das Kind mehr herausbrechen darf: zum Beispiel im direkten Kontakt mit Kindern oder in einer euphorischen Situation – wenn man sich beispielsweise so einen Film ansieht und dann begeistert aus dem Kino kommt, weil Kindheitserinnerungen geweckt wurden. 

Sind Schauspieler offener und phantasievoller als der Durchschnittsbürger?

Nein, auch wenn man sich vieles vorstellen muss und man sehr offen sein sollte. Natürlich sollte man auch neugierig sein. Ich habe beispielsweise oft das Gefühl, dass ich sehr intensiv beobachte. Vor allem die Reaktionen von Menschen in bestimmten Situationen. 

Zwischen Jack Frost und der Zahnfee scheint sich im Film ja eine romantische Beziehung zu entwickeln. Nachdem Jack ein sehr mutiger Hüter ist: wie wichtig ist dir Mut bei einem Mann?

Jack Frost finde ich super. Er weiß zunächst nicht, wo er eigentlich hin soll, bevor er als Hüter auserwählt wird und dieser „Clique“ hilft. Das finde ich an dem Film so super: mir war zwar als Kind immer irgendwie bewusst, dass sich Weihnachtsmann, Osterhase und Zahnfee kennen, aber ich finde es schön, sie alle mal in einem Film zu sehen, wie sie zusammenhalten und sich gegenseitig helfen. Zur Beziehung von Jack und der Zahnfee muss man noch festhalten, dass es ihr ja eigentlich nur um die Zähne geht: auch bei ihm. Das wäre mal interessant, einem Mann beim ersten Date so intensiv in den Mund zu schauen und zu sagen: Oh mein Gott, deine Zähne – benutz immer schön Zahnseide! Lustiger Weise schaue auch ich bei einem Mann gerne auf die Zähne. 

Jack Frost ist, wie du gerade gesagt hast, ja lange auf der Suche nach sich selbst. Ist Selbstfindung ein endloser Prozess?

Ja. Man sollte wohl alles mögliche mitnehmen, geduldig sein und an sich selbst glauben. Es ist gut, offen und neugierig durchs Leben zu gehen und sich selbst dabei immer wieder neu kennen zu lernen. 

Zumindest Jack findet im Laufe des Films genau jenes Vertrauen zu sich: wie wichtig ist dir selbst Vertrauen?

Vertrauen ist sehr wichtig, auch für meinen Beruf. Das ist an sich immer etwas Magisches, was da passiert: ich weiß ab einem bestimmten Moment auch nicht mehr, was genau ich da gerade gemacht habe. Es ist im Schauspiel wichtig, dass man in bestimmten Momenten loslässt, nicht mehr nachdenkt und nur versucht, zu sein. Der Kopf ist dann ausgeschaltet und man spielt und fühlt es einfach. Auch bei „Die Hüter des Lichtes“ war es so. Ich habe den Film zwar gesprochen, aber ich weiß trotzdem nicht, wie sich das im Film schließlich anhören wird. Es ist immer wieder aufregend und überraschend, wenn man den fertigen Film dann später sieht. 

Und wie wichtig ist dir Glaube in diesem Zusammenhang?

Ich finde es gut, an etwas zu glauben. Man kann sich so an etwas festhalten, das einen weiterbringt und stärker macht. Jeder hat da aber wohl etwas eigenes und so muss auch jeder für sich herausfinden, an was er gerne glauben will. 

Im realen Leben sind die Eltern „die Hüter“. Wie war das bei dir: haben deine Eltern zum Beispiel den Glauben an den Weihnachtsmann gefördert, indem sie sich als Weihnachtsmann verkleidet haben?

Sie haben Leute engagiert, die den Weihnachtsmann spielen oder Ostereier versteckt, damit ich an den Osterhasen glaube und dazu haben sie mir dann die jeweilige Geschichte erzählt. Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter sehr gut im Erzählen war. Ich habe jeden Abend vorgelesen bekommen und meine Mutter hat sich manchmal sogar selbst Geschichten ausgedacht, die sich über ein Jahr hinzogen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass ich eine so bunte Kindheit mit so vielen Märchenfiguren, Hütern und Beschützern haben durfte. 

Wird man immer ein Stück weit als Kind behandelt, wenn man mit seinen Eltern zusammen ist?

Ja, ich denke, das kennt jeder und das wird auch immer so bleiben. Gerade an Weihnachten ist das schön. Wir verbringen jede Weihnacht mit der Familie und die Eltern dürfen dann Eltern sein und uns liebevoll bemuttern. 

Hattet ihr an Weihnachten einen alljährlichen Routine-Ablauf? 

Ja. Wir haben immer ein Vorgeschenk bekommen, damit wir uns den Tag über beschäftigen. Meistens hatte so ein Vorgeschenk dann mit Aufbauen zu tun, was sehr lange gedauert hat. Meine Eltern wollten nicht, dass wir den Weihnachtsbaum vorher sehen und der Weihnachtsmann kam ja dann auch tatsächlich, also sind wir am Abend in die Kirche gegangen. Wenn wir wieder zuhause waren, kam dann das Klingeln und wir sind in den Raum gegangen. Das war immer toll und erst danach wurde gegessen. Heute helfen wir beim Kochen und Dekorieren. 

Inwiefern hat sich das Schenken seit deiner Kindheit verändert?

Ich habe neulich in einer alten Kiste einen Wunschzettel aus meiner Kindheit gefunden, den ich damals an den Weihnachtsmann geschrieben habe. Da stand alles bis ins Detail erklärt und aufgemalt, damit er mir ja nicht das Falsche bringt. Vor allem Brettspiele standen darauf: zum Beispiel „Obstgarten“. Heute freue ich mich mehr über die Aufmerksamkeit und die Tatsache, dass andere an einen denken. Davon abgesehen wird es immer schwieriger, anderen Geschenke zu machen, weil keiner mehr sagt, was er sich wünscht. Grundsätzlich liebe ich es aber, etwas zu schenken, auch wenn es mir wirklich schwer fällt, jemandem etwas für einen bestimmen Moment zu kaufen. Man freut sich heute mehr darüber, jemand anderem eine Freude zu machen. Das hat sich seit der Kindheit ein bisschen gedreht, finde ich. 

Eins deiner nächsten Projekte wird ja Ludwig II. sein, in dem man dich bald als Sissi sehen kann. Inwieweit hast du diese Rolle neuinterpretiert?

Es geht um Ludwig II. und seine Geschichte. Die Kaiserin Elizabeth ist nicht die junge Sissi, so wie wir sie aus all diesen großartigen Filme kennen. Sie ist eine wichtige Person im Leben von Ludwig II., aber das erst in späteren Jahren – als Kinder hatten die beiden durch ihren Altersunterschied von 11 Jahren soweit ich weiß, nicht allzu viel miteinander zu tun. Sie ist auch nicht seine direkte Cousine, sondern eine Cousine seines Vaters. Es liegt also eine Generation zwischen ihnen. Wie auch immer gab es im Leben von Ludwig II. Abschnitte, in denen sie für ihn da war und die werden in unserem Film angedeutet. 

Spürt man einen größeren Druck, wenn man eine Persönlichkeit darstellt, die real existiert hat? 

Erwartungen gibt es immer, aber ich denke, davon muss man sich frei machen. Viele, tolle Schauspielerinnen vor mir haben sie gespielt, deshalb ist es für mich vor allem eine Ehre, sie jetzt darstellen zu dürfen. 

by Sima Moussavian

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