Interview mit Gregg Sulkin (Another Me)

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Die Stadt wird von Regen überflutet, als Romanverfilmung ANOTHER ME am 15.11.2013 Premiere auf Roms 8em Filmfest feiert. Isabel Coixets düsterer Thriller erzählt die Geschichte von Teenagerin Fay, die von einer scheinbaren Doppelgängerin heimgesucht wird und ein dunkles Familiengeheimnis aufdeckt. Story – entsprechend düster. Himmel – genauso düster. Alles andere als düster ist dafür die Stimmung im 5-Sterne-Hotel, in dem das Cast des nominierten Films sich für Vorab-Interviews einfindet. Während Hauptdarstellerin Sophie Turner die Aufregung über den großen Tag deutlich anzumerken ist, erreicht ein entspannter Gregg Sulkin die Hotel-Lobby, um humorvoll den so dunklen Tag zu erhellen. Medienerfahrung hat der 21-Jährige trotz seiner jungen Jahre merklich und – ganz der sorgsame Kollege – steht er während der Interviews auch der 4 Jahre jüngeren Sophie mit Humor und Erfahrung zur Seite. Die Erfahrung kommt nicht von ungefähr: Nach seinem Durchbruch mit TV-Mehrteiler DR ZHIVAGO war er als Ezras Bruder Wes in Kult-Serie PRETTY LITTLE LIARS zu sehen und brachte es als Disneys Vorzeige-Star mit Filmen wie DIE TOCHTER VON AVALON zu internationaler Anerkennung. Beobachtet man, wie der gebürtige Londoner sich für Sophie schützend und souverän auf die die Fragen der Journalisten wirft, mag man gar nicht vermuten, dass er sich schnell vor etwas fürchtet. Und doch verrät er uns eine große Angst: Trotz oder gerade wegen all der Anerkennung fürchtet Gregg sich davor, zu versagen…


ANOTHER ME bietet einige durchaus furchteinflössende Momente. Vor was hast du am meisten Angst?

Meine größte Angst ist das Versagen. Ich hasse die Vorstellung, dass ich andere Menschen enttäuschen könnte. Meine Familie und all die Leute in meinem direkten Umfeld haben viel Zeit, viel Herzblut und Geld in mich investiert. Wenn ich sie enttäuschen würde, dann würde mich das entsprechend hart treffen. Das ist aber gar nicht schlecht, denn der Gedanke daran treibt mich gleichzeitig aber an, immer alles zu geben.

Wie gehst du in deinen jungen Jahren damit um, dass die Augen aller auf dem Set auf dich gerichtet sind?

Eine wirklich gute Crew lässt einem Freiraum, sodass man gar nicht das Gefühl hat, dass sämtliche Leute auf dem Set einen anstarren. Alle, die nichts in einer Szene zu suchen haben, werden von einem fähigen Filmteam sowieso vom Ort des Geschehens verwiesen, denn eine Szene kann gar nicht gut werden, wenn einem Dutzende Menschen im Nacken sitzen. Ein intimes Set wie Isabel Coixet es für ANOTHER ME angelegt hat, ist für eine gelungene Szene eigentlich immer nötig. Natürlich haben wir als Schauspieler auch dann noch eine Verantwortung: Wir müssen versuchen, alles auszublenden und uns immer wieder in den Moment zurückholen. Die Crew trägt die Verantwortung, uns das zu ermöglichen.

Welche Gruselfilme hast du in deiner Jugend gesehen?

Mein erster Horrorfilm war DER EXORZIST. Als ich noch ein Kind war, sind mein Bruder und ich bis spät in die Nacht wach geblieben, damit unsere Eltern nicht mitkriegen, dass wir uns solche Filme ansehen. Ein Gruselfilm, den ich damals wirklich toll fand, war THE SWARM. Ich habe mir schon immer gewünscht, mal an so einem Projekt beteiligt zu sein. Ich habe aber nie vorwiegend Horrorfilme angesehen. Ich mag und mochte immer alle Genres. Einer meiner liebsten Filme überhaupt ist SIGNS. Das ist eine schöne Mischung – auch, wenn es eigentlich ein Science-Fiction-Film ist, enthält er ein paar nette Horrormomente.

Bist du abergläubisch?

Ja, auf jeden Fall. Wenn ich einen wichtigen Termin habe, dann ziehe ich in der Früh immer die rechte Socke zuerst an. Ich habe früher leidenschaftlich gerne Fußball gespielt und damals habe ich immer zuerst den rechten Fuß angezogen und erst danach den linken. Meine Mannschaft hat immer gewonnen. (lacht) Nein, Spaß beiseite: Ehrlich gesagt haben wir meistens verloren. Aber ich wollte früher professioneller Fußballspieler werden und auch heute finde ich Fußball noch toll: Mein Lieblingsteam ist Arsenal und mein Twitter-Feed handelt eigentlich nur von Fußball – nicht von der Arbeit, sondern nur von Arsenal. (lacht)

Hast du, was Rollenwahl angeht, eine bestimmte Grenze?

Ja. Ein Bekannter von mir ist Schauspieler und war vor 20 Jahren in Mexiko sehr berühmt. Er hatte in einer TV-Serie die Rolle eines Drogendealers übernommen. Jemand kam auf der Straße eines Tages auf ihn zu und sagte ihm, dass er ihn wirklich gut findet und wegen ihm angefangen hat, Kokain zu nehmen. Mein Freund hat ihn angesehen und gedacht: Oh mein Gott – ich ruiniere das Leben von anderen Menschen. Von diesem Zeitpunkt an hat er nie wieder eine Rolle angenommen, die Drogenmissbrauch, Mord oder andere verwerfliche Dinge beschönigt. Seit er mir das erzählt hat, ist das auch für mich eine Grenze.

Wie lässt sich das mit der schauspielerischen Selbstverwirklichung vereinbaren?

Natürlich willst du als Schauspieler verschiedene Rollen spielen. Das ist auch vollkommen in Ordnung, solange es im Rahmen bleibt. Du musst einen Mittelweg finden. Einen Mörder zu spielen muss zum Beispiel nicht verwerflich sein, wenn die Geschichte des Films die Thematik nicht glorifiziert. So sehr du aber auch dir selbst und deinen Wünschen als Künstler gerecht werden willst, solltest du dabei immer im Hinterkopf behalten, dass du als öffentliche Person automatisch Einfluss auf andere Menschen nimmst. Wenn man sich dieser Verantwortung nicht bewusst ist und sie nicht in seine Entscheidungen mit einließen lässt, dann beeinflusst man die Gesellschaft schnell in einer negativen Art und Weise.

Welche darstellerischen Schwächen hast du?

Ich war schon immer sehr schlecht mit Sprachen. Darstellerisch bin ich daher nicht besonders gut darin, Akzente nachzuahmen. Ein amerikanischer Akzent geht im Falle eines Falles noch, aber schottischer oder australischer Akzent sind für mich zum Beispiel kaum authentisch darzustellen.

Hast du in deiner Karriere eine Entscheidung getroffen, die du heute bereust?

Nein, denn berufliche Entscheidungen können niemals falsch sein, weil sie in dem Moment, in dem sie fallen, aus einem guten Grund getroffen werden. Vielleicht erscheint eine Entscheidung dir irgendwann als schlechte Wahl, aber für die Zeit in deinem Leben, in der sie gefallen ist, war sie auf jeden Fall die richtige.

Gibt es Seiten am Schauspielberuf, die du für problematisch hältst?

Ich glaube, dass es einem Schauspieler schwerer fällt, genau zu wissen wer er ist. Man hat in diesem Beruf mehrere Leben. Man hat die öffentliche Persona und das Privatleben, wobei das selbstverständlich auch für viele, andere Berufsfelder gilt. In der Schauspielerei ist es aber noch verschärft. Du bist in diesem Job ständig auf der Jagd nach der nächsten Rolle, oder der nächsten Show. Da vergisst, man eben leicht, worum es im Leben geht.

Wie lässt sich das vermeiden?

Man muss sich immer wieder bewusst machen, was man will und wohin man will, aber am allerwichtigsten sollte man sich klar machen, was einen glücklich macht. Die Schauspielerei ist nicht alles. Vielleicht ist sie ein nettes Extra, aber im Leben geht es um viel, viel mehr. Das muss man sich immer wieder zurück ins Gedächtnis rufen. Wenn man auf dem Teppich bleibt, dann erleichtert das die Sache ungemein. Auch ein starker, familiärer Rückhalt kann helfen, sich beruflich auch mal zurück zu nehmen, um sich Zeit für sich selbst zu gönnen.

by Sima Moussavian

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