Goliath

goliathNach AMCs “Better call Saul” schicken die Amazon Studios mit David E. Kelleys “Goliath” ihren eigenen runtergekommenen Anwalt ins Rennen – ein Fest für alle Fans von Billy Bob Thornton und fesselnder Serienunterhaltung.

Die Exposition ist im wahrsten Sinne des Wortes bombastisch: Zwei Männer werden während ihrer nächtlichen Bootstour vor der Küste von Los Angeles Zeuge von einer gewaltigen Explosion und in Folge von einer riesigen Druckwelle erwischt. Zwei Jahre später erhält der ehemalige Staranwalt Billy McBride (Billy Bob Thornton) den Auftrag, den mysteriösen Tod eines Mitarbeiters aus der Rüstungsindustrie zu untersuchen. Was als kleiner Fall beginnt, entpuppt sich als hochbrisante Angelegenheit, in der sich Billy sowohl mit seiner ehemaligen Anwaltskanzlei Cooperman & McBride als auch mit einem gut vernetzen Waffenhersteller messen muss, wobei sogar sein eigenes Leben in Gefahr gerät…

Schon in seiner ersten Szene präsentiert sich Billy Bob Thornton als geschiedener Anwalt Billy McBride in bester “Bad Santa”-Manier: Auf dem morgendlichen Weg aus seinem Motel-Apartment in die Lieblings-Bar klaut er der Nachbarin die Tageszeitung, bedient sich eine Tür weiter an den rausgestellten Frühstücksüberresten, um diese an seinen liebgewonnenen Straßenköter zu verfüttern und tritt anschließend promt in Hundescheiße.

Parallelen zu Anwaltserie “Better call Saul” sind nicht von der Hand zu weisen: Zwei von der Gesellschaft und ihren Kollegen als Looser abgestempelte Alleingänger beweisen ihre Cleverness und nehmen es mit großen Konzernen auf – wobei Billy Bob Thornton was den Alkohol- und Zigarettenkonsum seiner Figur betrifft, eine deutliche Spur abgefuckter rüberkommt. Gemeinsam ist ihr permanenter Kampf mit der Ambivalenz ihrer charakterlichen Stärken und Schwächen. Thorntons Figur ist ein zynischer Trinker, ein resignierender Anwalt, der jeden Tag in der Kneipe am Tresen hockt und auch seinen Vaterpflichten gegenüber seiner Tochter nur mühsam hinterherkommt. Trotzdem spürt der Zuschauer, dass Billy McBride insgeheim ein herzensguter Mensch ist.

Dessen Niedergang hat natürlich seine Gründe und die kommen mitsamt des neuen Falls zum Vorschein. So war Bill einst Mitbegründer jener großen Anwaltskanzlei, der er jetzt im Kampf David gegen Goliath gegenübersteht. Die tragischen Auswirkungen eines Gerichtsverahren führten damals zu Billys Problemen und Entlassung. Chef dieser mächtigen Kanzlei ist der im schummernden Licht seines abgedunkelten Büros Fäden ziehende Donald Cooperman (William Hurt), dessen rechte Körperhälfe durch einen Kriegseinsatz mit Brandnarben enstellt ist. Voller Hass auf alles und jeden (besonders auf seinen einstigen Partner Billy, dessen Rolle als Sympathieträger er stets beneidete) spielt er gottgleich Katz und Maus mit seinen Gegenspielern und Mitarbeitern. Darunter ist auch Billys Ex-Frau Michelle (Maria Bello), die zunehmend zwischen die Stühle gerät, die machthungrige Callie Senate (Molly Parker) und die ehrgeizige Lucy Kittridge (Olivia Thirlby).

Sie alle sind in einem Netz aus Intrigen und Lügen gefangen, dem sich Cooperman geschickt für seine beruflichen und persönlichen Interessen bedient. Wenn er seine Angestellten mit einem kleinen Klicker in der Hand anstelle von Worten zum Reden oder Schweigen bringt oder seine Position ausnutzt, um den weiblichen Angestellten mit falschen Versprechen sexuelle Gefälligkeiten zu entlocken, kommt das volle Ausmaß des misanthropischen Charakters zu Tage.

Gegenüber der geballten Macht dieses großen Players mit seinen unzähligen Angestellten wirkt Billys bunt zusammengewürfelter Haufen aus juristischen Amateuren eigentlich chancenlos, vor Gericht etwas bewirken zu können. Doch dank Billys Hartnäckigkeit nimmt der Fall zunehmend Fahrt auf und schmutzige Wäsche von beiden Seiten wird auf höchst unappetitliche Weise vor Gericht zwecks Diskreditieriung der jeweiligen Person zur Schau gestellt.

“Goliath” ist so klug inszeniert, dass der Zuschauer zwar mit Billy zunehmend sympathisiert, aber auch seine Fehler und Schwächen stets mit ins Visier genommen werden. Die Gegenseite ist das pure Böse – das ist klar. Aber darf Billy Gesundheit und Leben seiner Mitstreiter in Kauf nehmen, um den Fall voranzutreiben? Und geht es ihm nicht auch darum, seinem ewigen Widersacher Cooperman die Stirn zu bieten?  Bis zum nervenaufreibenden Finale im klassischen Gerichtsthriller-Stil bleiben diese Fragen präsent, ohne dabei aber die gesellschaftskritischen Fragen von Recht und Unrecht im Denken und Handeln eines eng mit dem Staat vernetzten Rüstungskonzerns aus den Augen zu verlieren.

8/10 Punkten / by Stefan Huhn

©Trailer & Bilder: Amazon Video

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