Finsterworld

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Frauke Finsterwaldes Kinodebüt ist ein groteskes, verstörendes und erschütterndes Scheinwelt-Konstrukt, das einen vor allem an die eigenen Abgründe heranführt. So ästhetisch, aufregend und zugleich mutig war der deutsche Kinofilm selten zuvor.

Wo gehen gesetzeshütenden Polizisten auf gesetzlose Furry-Parties, wo werden Raben eingesperrt und vermenschlicht, um fehlende Zwischenmenschlichkeit zu kompensieren und wo begibt sich ein Fußpfleger in einem Altenheim auf die Suche nach Berührung? Im zeitlich synchronen Cross-Cut geschieht all das in Frauke Finsterwalders FINSTERWORLD, wo der Mut zur Berührung fehlt, wo sich hinter dem ersten Schein der Perfektion Ignoranz, Distanz und Perversion verbirgt.

Nicht, dass FINSTERWORLD es explizit erklärt, doch mit der Zusammenführung der verschiedenen Handlungsstränge und Szenerien deutet sich einem das eigentliche Thema des Films an: der Konflikt deutscher Berührungsangst rückführbar auf eine Vergangenheit der zwischenmenschlichen Ohnmacht. Nimm einem Menschen den Schein und du wirst sehen, wie schnell auch sein Leben ein Ende hat, so sagte es Georg Kugler und Finsterwalders kritische Stilisierung hangelt sich mal böse, mal komisch in 5 Handlungssträngen an jener Erkenntnis entlang. Das Leben fühlt sich nicht mehr real an, äußern die Menschen seit der Moderne immer häufiger. Zeitgemäß zeigt FINSTERWORLD dementsprechend verschiedenste Situationen menschlichen Leben, die in der Irrealität der Kontaktlosigkeit voran kriechen.

Kontrastierend zwischen der Sonnen-umfangen Idylle perfekter Kulissen und der dunklen Kälte fehlender Zwischenmenschlichkeit könnte die Bildsprache des Films intensiver und sehnsuchtsvoller kaum sein. Über Finsterwalders 5 Szenarien hängt allgegenwärtig die surreal kalte Perfektion der Oberflächlichkeit. Die bitterbösen und schwarz-satirischen Dialoge, die deutlich mehr auf Kunst- als Authentizitätsanspruch setzen, entführen den Zuschauer über den Abgrund der Sinnentleertheit in einen uferlosen Subtext. FINSTERWORLD thematisiert dialogisch nichts und zugleich alles, um in verstörender und erdrückender Subtilität die Abgründe eines strahlenden Deutschlands anzunähern. Der Kontrast von Idylle und Kälte, die Einführung in das bodenlos Absurde und in die dialogische Lähmung bleiben für sich stehen, denn wie es sich für Kunst gehört, legt FINSTERWORLD die Interpretation ins Ermessen des Betrachters.

Zuweilen gelingt Finsterwalder dabei eine atmosphärische Loslösung der Bildsprache, sodass jene einem in all ihrer Autonomie direkt in die Knochen fährt. An die vormoderne Typenkomödie erinnernd sind sämtliche Figuren typisierte Konstrukte unter dem Einfluss bitterbösen Humors. Die surrealen Situationen bleiben von erdrückend scherer Wahrhaftigkeit umfangen. Dabei wird Finsterwalders Kritik an Deutschland weniger hörbar oder sichtbar, es handelt sich viel mehr um eine sensualisistische, was konzeptuell durchaus sinnvoll erscheint, wo es doch die Kontaktlosigkeit und Kälte bleibt, die FINSTERWORLD in all seiner Stilisierung als große Problematik deutscher Moderne konstruiert.

by Sima Moussavian

Infos zu Finsterworld
 
Kinostart17.10.2013
Länge91 Minuten
GenreDrama
RegieFrauke Finsterwalder
DarstellerRonald Zehrfeld,
Leonhard Schleicher,
Johannes Krisch
u.a.
VerleihAlamode
Punkte8 / 10

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