“Wir reden hier von Machete!” – Gewalt in Filmen

machete

Es ist der 14. Dezember 2012. Der bisher unauffällige Adam Lanza durchschießt die Tür einer Grundschule und tötet 27 Menschen, darunter 20 Erstklässler. Sein 28. Opfer ist er selbst – der Täter des dritt-schlimmsten Amoklaufs, den es in der amerikanischen Geschichte gegeben hat. Warum der 20-Jährige eine Grundschule gewählt hat, bleibt im Dunklen. Obama reagiert mit Verschärfungsvorschlägen für das Amerikanische Waffengesetz. Wieder andere Verbrechen werden begangen, denn Waffenfanatiker fühlen sich bedroht. Die gewaltsame Rebellion von Waffenbesitzern schüchtert den Kongress ein. Ein Amerikanischer Bürger muss doch das Recht haben, sich gegen eventuelle Angriffe zu wappnen! Zumindest in New York, Conneticut und Colorado setzen sich dessen ungeachtet Obamas Verschärfungen durch. Der Amoklauf des 14. 12. 2012 hinterlässt seine Spuren. 2013 wird auch die Filmwelt von einer Gewaltdebatte ergriffen. Ursprünglicher Auslöser ist Jim Carreys Äußerung zu KICK ASS 2. Obwohl selbst an dem Film beteiligt, meldet er über Twitter, er könne das Niveau der im Sequel gezeigten Gewalt nach dem Amoklauf von Sandy Hook nicht unterstützen. Produzent Mark Millar rechtfertigt sich vor der gesamten Welt. Die altbekannte Argument-Gegenargument-Diskussion über Gewalt in Filmen nimmt ihren Lauf. Waltz beschuldigt in einem Interview mit CNN die Medien – sie würden Gewalt zu Spektakeln aufbauschen. Tarantino äußert in einem Interview mit Cicero, Filme verantwortlich zu machen, sei gegenüber der Opfer respektlos. Filmische Gewalt habe an grausamen Ereignissen der Realität niemals Schuld.

Einer, der es offensichtlich ähnlich sieht, ist Tarantinos Kollege Robert Rodriguez. Im Zuge ihres gemeinsamen Grindhouse-Features bestehend aus PLANET TERROR und DEATH PROOF wird Rodriguez’s MACHETE geboren. Sein fiktionaler Trailer mit Danny Trejo als ultra-brutalem Schlachter wird vom Publikum derart gut aufgenommen, dass Rodriguez ihn zu einem Exploitation- Spielfilm-Projekt erweitert. Danny Trejo seilt sich am Dickdarm eines Widersachers aus einem Haus ab. Der Senator metzelt illegale Einwanderer nieder und Feuerwerfer stecken ganze Gegenden in Flammen. 2013, kurz nach der Gewaltdiskussion in Filmen, erscheint das Sequel des anarchischen Massakers. Als hätte es die Gewaltdiskussion nie gegeben oder gerade weil es sie gegeben hat, will ein wahnsinniger Waffenproduzent darin den 3. Weltkrieg auslösen und Dickdärme verheddern sich in Hubschrauberblättern, um Antagonisten zu zerfetzen, die selbst nicht viel schlechter sind, als alle Helden des Films. Gerade jetzt wirkt Rodrigeuz’s Ein-Mann-Schlachthaus provokativer denn je. Da hört man die Kassen – verwerflicher Weise?!

Eine Machete ohne Machete setzt sich im Häschenkostüm mit ihren Widersachern auf eine blühende Wiese und kommt zu einer Lösung für alle Konflikte der Welt. Das Sequel erscheint nicht unter dem Titel MACHETE KILLS, sondern unter dem politisch korrekten Slogan MACHETE KILLS NO MORE. Auch so hätte es ausgehen können, doch wäre nicht genau das verwerflich? Verwerflich wäre, wenn Rodriguez seine filmische Vision an eine politische Debatte angepasst hätte, die für die Gesetze seiner fiktionalen Welt keine Rolle spielt. Hätten die Gesetze der Realität nämlich Auswirkungen auf seine Fiktion, dann wäre die fiktionale Welt fortan weniger Fiktion, als Realität. Rodriguez dreht keine realistischen Filme, sondern solche, die sich zu ihrer Fiktion bekennen und sich selbst sogar verspotten. “Machete braucht keine Apps.” – natürlich nicht, weil er nicht real ist. “Machete stirbt nicht.” – nein, wie könnte er auch, wo es ihn doch gar nicht gibt. Eines kann man Rodriguez nun wirklich nicht vorwerfen: Dass er mit seinen Filmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt. In welcher Welt wäre es wohl möglich, dass Lady Gaga plötzlich zu Antonio Banderas transformiert? Wer Rodriguez’s Filme und Co nachahmen möchte, weil er sie als real empfindet, der lebt längst nicht mehr in der Realität. Gegenargument: Sieht ein Hund 2 Hunde Kämpfen, dann wird er aggressiv. Sieht ein Mensch einen Gewaltfilm, dann wird er gewalttätig – ja, wirklich? Ist das nämlich der Fall, dann ist die Diskussion an sich widersinnig, denn wohin sind dann Kognition und menschliches Bewusstsein geraten?

Anspruch von MACHETE und dessen Verwandten war nie Authentizität, sondern Stilisierung – wie es sich für Kunst nun mal gehört. Vielleicht ist es verwerflich, eine öffentliche Position nicht zu nutzen, um sich gegen Grausamkeiten einzusetzen und vielleicht ist genauso verwerflich, die Reichweite von Künsten nicht zu verwenden, um aufzuklären oder anzuklagen, doch kann die filmische Darstellung von Grausamkeiten kaum für Amokläufe verantwortlich sein, wo man seit der Antike doch weiß, dass die eigenen Negativaffekte bei der Beobachtung von Negativaffekten verschwinden können. Was würden sie tun, die Regisseure der Exploitation-, der Slasher- und Horrofilme, wenn sie ihre grauenvollen Affekte nicht in filmischen Fiktionen ausleben würden? Was würden sie tun, die Fans des Exploitation-, Slasher- und Horrorkinos, wenn kein Exploitation-, Slasher- oder Horrorfilm mehr zur übertragenen Auslebung von Negativaffekten bereit stünde? Vielleicht wäre die Welt vor dem Hintergrund einer gewaltlosen Filmwelt noch viel gewalttätiger.

Zurück zur MACHETE – niemand ist hier Held oder Vorbild, ein jeder ist Mittel der Ironie. Eine deren bedeutendster Funktionen wiederum ist erwiesenermaßen Solidarisierung, demnach Gemeinschaftsbildung. Die meisten Amokläufer sind ja auch in eine Gemeinschaft integrierte Menschen mit höchster Solidarität für ihre Mitbürger – nein, Moment das kann nicht ganz stimmen… Ist das Massenbewegungsphänomen MACHETE und Co also wirklich verwerflich? Bitte, wir reden hier von Machete! Falls Chuck Norris unter Wasser grillen kann, dann nur, wenn Machete ihm Feuer gibt. Und nochmal explizit: Künste jeder Art, noch stärker ironischer Art, besitzen gemeinschaftsbildende Dynamiken. Verbrechen aller Art dagegen obliegt eine gemeinschaftszerstörende Kraft. In der Gemeinschaft wiederum lässt sich gemeinschaftszerstörenden Kräften leichter begegnen. Verbrechen, wie das von Sally Hook sind ohne Zweifel erschütternde Tragödien, die zum Handeln bewegen sollten. Zum Handeln in der realen Welt, aber nicht in der Filmwelt, wo das Gemeinschaftsgefühl, das jeder Art der Kunst inne wohnt, doch weniger Schaden bedingt, als Solidarisierung.

by Sima Moussavian

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