Unsterblichkeit: Kolumne zur TV-Serie “Dracula”

dracula

Um sie spannen sich Sagen und Mythen. Geschichten von Zauberern und Schamanen, von Götzenbildern und Göttern. Die Rede ist von der allerseits gejagten, der nie nachweislich erreichten, der so unglücklich ersehnten, so hoffnungslos erhofften, so ausschweifend erdichteten Unsterblichkeit. Seit er geboren wurde, leidet der Mensch an einer Krankheit, die sich Sterben nennt. Oder erkrankt er mit der Geburt an einer, die sich das Leben nennt? Wäre die Heilung der Sterblichkeit der ultimative Tod? Erst der Tod macht das Leben besonders, und doch bleibt Todlosigkeit ein ungleich großer, wenn auch unvergleichlich zerstörerischer Lebenswunsch des Menschen.

Wer im Wunsch nach Unsterblichkeit zergeht und das eigene Vergehen kontinuierlich fürchtet, dessen Blick trübt sich zugleich für alles, das ist. Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit aus Angst vor der Sterblichkeit ist so nichts als eine Qual, denn weder zu Unsterblichkeit, noch zum Ersehnen selbiger ist Leben da. Ewigkeit und sogar der Gedanke an sie können dem Leben das Leben nehmen. Ja, sogar naturwissenschaftlich- darwinistisch gesehen würde Unsterblichkeit meinen, die nächste Stufe zu blockieren, sich zu limitieren, sich zu verlieren und schließlich auszusterben. Was der Mensch will und was er braucht sind grundverschiedene Dinge. So hat sich Unsterblichkeit zur ultimativen Utopie der Menschheit erhoben, obgleich sie Leben nimmt. Nicht Unsterblichkeit als Realität, sondern Ewigkeit als theoretisches Konstrukt, denn nur so wird Unvergänglichkeit überhaupt lebbar. Für niemanden ist das ewige Sein mehr als ein Konzept, denn nie hat es jemand erlebt. Unsterblichkeit bleibt für uns das Unerreichbare, das Unvorstellbare, das gänzlich Unbekannte, Irreale und gerade deshalb so unnachahmlich Faszinierende. Jeder Mensch trägt den Wunsch nach Haltbarkeit irgendwo im Verstand, die Faszination für die Ewigkeit irgendwo in den Genen. Genauso wie auf Dich und Mich trifft das auf Filmemacher zu. Vielleicht stimmt es für sie sogar noch mehr, denn bekanntlicher Maßen ist das Showbusiness eine ego-bezogene Branche und das Ego möchte erinnert werden, es möchte überdauern, es möchte unsterblich sein. Künsten wie Filmen sagt man die Unsterblichkeit ja sogar nach. Das HOTEL ZUR UNSTERBLICHKEIT beispielsweise hat sich jener Vorstellung angenommen: Ein ewiges Leben im jenseitigen Luxushotel für diejenigen, die über ihre Kunst auf Erdem in Erinnerung bleiben! Ja, das Showbusiness soll unsterblich machen und womöglich ist es die Unsterblichkeit der Kunst, in der die menschliche Faszination für die Künste erst wurzelt. Ob bewusst oder unbewusst bleibt Haltbarkeit ein übergeordneter Anspruch von Kunst und Künstler und manchmal wird Unsterblichkeit vom bloßen Anspruch eines Kunstwerks zu seiner all umgreifenden Thematik.

Filmische Statements zum ewigen Leben gibt es dementsprechend viele. Angefangen bei Richard Schenkmans THE MAN FROM EARTH mit einem 14.000 Jahre alten John Oldman (David Lee Smith) und aufgehört bei Superhelden-Filmen oder mythologisch inspirierten Götter-Märchen. Viele von ihnen teilen eine Botschaft: Unsterblichkeit bringt den Menschen um, denn wird auch der Körper des Lebens nicht mehr müde, so ermüdet noch immer der Geist. So zumindest heißt es in der Eröffnung von Science-Fiction-Thriller IN TIME. Für die Unsterblichkeit von einigen müssen viele sterben, stellen Justin Timberlake und Amanda Seyfried kurz darauf fest, sodass sie sich auf die actionreiche Jagd nach Lebenszeit begeben, um des Lebens Willen die Lebenszeit jener unter den Menschen zu verteilen, die sich Unsterblichkeit erkauft haben. Schon Filme wie DER PREIS DER UNSTERBLICHKEIT wussten es: Simon Shephert erkennt als untsterblichkeitsbesessener Cambridge-Professor, wie eng ewiges Leben mit gewaltsamem Sterben verwoben ist. Ohne Tod kein Leben, nur ohne Leben kein Tod, so die Moral von der Geschicht’. Wird ein Leben auf ewig eingefroren, so muss ein anderes weichen. Ja, sogar der Horrorfilm nahm sich jener bedeutungsschweren Thematik an, als Todgeweihte in FINAL DESTINATION dem Tod von der Schippe springen wollten. Einfallsreich wurde Lebensenergie getauscht, wenn jener trickreiche Einfall auch nicht folgenlos bleiben wollte. Wozu eigentlich das Ganze? Ewiges Leben ist ewiges Leiden – man vergleiche Will Smith als alkoholkranken HANCOCK oder richte die Aufmerksamkeit auf all die mythologischen Film-Sagen, in denen leidende Halbgötter für den eigenen Tod töten wollten.

Ob in HIGHLANDER, oder Fantasy-Erfolgen wie Harry Potter: seit jeher begeben Protagonisten sich dennoch auf die Suche nach Unvergänglichkeit, denn große Konflikte lassen sich aus dem filmischen Unsterblichkeitsmotiv konstruieren. Große Emotionen lassen sich motivieren, großartige Wenden und universal gültige Erkenntnisprozesse inszenieren. Auf der Suche nach Unsterblichkeit wird ein Protagonist zum Prototypen für das Menschliche. In der Filmgeschichte der Gegenwart spielen Unsterblichkeitsmotive schließlich eine noch gesteigerte Rolle. Die Medizin der Moderne macht kontinuierlich Fortschritte, Unsterblichkeit wird immer greifbarer. Man will herausgefunden haben, dass Quallen unsterblich sind. Auch der Meeresschwamm soll unvergänglich sein. Für einige Forscher ist das Hoffnung genug, menschliche Unsterblichkeit irgendwann realisieren zu können. Die moderne Welt des Films nimmt sich jenem wissenschaftlich-technischen Fortschritt gen Unendlichkeit über kritisch-naturwissenschaftlich orientierte Science-Fiction-Werke an, um mögliche Probleme und erfüllte Hoffnungen von schrittweise ent-utopisierter und allmählich realisierter Unvergänglichkeit vorzustellen. Doch auch die mystisch-mythologischen Seite der ewigen Haltbarkeit schwappt in der modernen Filmwelt auf. Der Fantasy-Boom der Gegenwart hat dem filmischen Unsterblichkeitsmotiv neue Salonfähigkeit gegeben. Wesen aus anderen Welten, Vampire, Kontraste von Sterblichkeit und Unvergänglichkeit prägen die filmische Welt der Moderne – mal romantisiert, mal kritisch, mal utopisiert, mal apokalyptisch.

Heute noch Meister der Unsterblichkeit genannt, wurde bei all den Unsterblichkeitsmotiven der Filmgeschichte auf kaum jemanden derart oft Bezug genommen, wie auf Bram Stoker – selbst eine Legende, durch die konstruierte Unsterblichkeit seiner Werke selbst unsterblich geworden. Zu seinen Lebzeiten unterdurchschnittlich erfolgreich wurde seine Figur des Dracula über lüsternde Erotik und unheimliches Charisma zum Inbegriff unsterblicher Faszination. Dabei entwarf Stoker seinen legendären Vampir seinerzeit doch in Bewusstsein über die Unmenschlichkeit und Fürchterlichkeit erreichter Ewigkeit. In Dracula verbildlichte er Unvergänglichkeit nicht etwa als das pur Ästhetische, nicht als das Wunderschöne – vielleicht als das unheimlich Faszinierende, doch dabei noch immer als das grotesk Abscheuliche. Diejenigen der mittlerweile unzählbaren Interpretationen von Stokers untotem Protagonisten, die es zu hoher Bekanntheit gebracht haben, romantisierten skrupellos Draculas ursprünglichstes Wesen als monströses Biest, als unschönes Monster der Unsterblichkeit. Die einst so abscheuliche Kreatur der Unmenschlichkeit ist im Laufe der Filmgeschichte durch ein Dutzend menschliche Hände gegangen und hat sich im Kontakt mit jenen immer mehr vermenschlicht. Der Dracula von damals ist längst verstorben, unsterblich wurde ironischer Weise seine Vermenschlichung. Von der ursprünglich so hässlichen Legende, wie sie Vampirsagen in grauer Vorzeit erzählten, ist mit der stetig wachsenden Unsterblichkeitssehnsucht der Menschheit kaum etwas übrig geblieben. Einer jedoch will sich der ursprünglichen Abscheulichkeit von Unsterblichkeit nun nach Jahrhunderten annehmen und das grässliche Biest zurück ins Gedächtnis des Fernsehpublikums rufen, das Dracula einst gewesen ist. Wie Golden-Globe-Preisträger Jonathan Rhys Meyers der Entertainment Weekly kürzlich verraten hat, war Unsterblichkeit selten so abscheulich wie in Sky Livings und NBC Universals Neuauflage von Stokers Vision. Wird das Unvergänglichkeitsmotiv des Films zu seinen unverblümten Ursprüngen zurückfinden und Unsterblichkeit als das schildern, was sie ursprünglich genannt wurde – einen unmenschlichen, grausamen, bestialischen, wenig ästhetischen und noch weniger erstrebenswerten Fluch? Erst der Tod des Schönen lässt das Schöne erkennen, so heißt es über den Zweck der Sterblichkeit. Ähnlich könnte im Tod eines beschönigten Dracula-Bildes erst die wahrhaftige Schönheit der Legende erkenntlich werden. Wer wäre wohl zu einer derartigen Wiedererweckung fähig, wenn nicht Rhys Meyers – Meister der Kontraste, Sinnbild der Ungewöhnlichkeit und Träger erschreckend ergreifender Intensität?

by Sima Moussavian

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