Zum Teufel mit der Moral – Rob Zombies “Lords of Salem” und die Kunst des Grauens

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Rob Zombie ist zurück. Mit HAUS DER 1000 LEICHEN und THE DEVIL’S REJECTS hat der Rockstar eine Kultfilm-Reihe etabliert, die ihresgleichen sucht. Nach langer Regie-Pause liefert Rob mit LORDS OF SALEM nun genau das – ihresgleichen – denn der aktuelle Erguss seines künstlerischen Schaffens ist ein Horrofilm mit grenzenloser Blasphemie, unkontrollierten Satansanbetungen, exploitationhaften Sexdarstellungen und – wie könnte es anders sein – einer freizügigen Sheri Moon Zombie, die dem Publikum schon in der Eröffnungsszene ihren nackten Hintern entgegen reckt, bevor sie sich zu gothikhaft düsteren Ritualsmelodien in Ekstase tanzt. Ins Kino hat es Robs pornografisch angehauchter Horror nicht geschafft. Ob berechtigter Weise oder nicht bleibe dahin gestellt – nein, Moment: Lieber sei es an dieser Stelle ausdiskutiert.

Da ist etwas Finsteres in Rob Zombies Blut – und in dem Kunstblut, das er über seine Filmkulissen kippt. Seine Musik-Video-Wurzeln lassen sich bei Betrachten seiner filmischen Welten kaum verleugnen – knallige Pop-Art-Elemente und schnelle Schnitte zwischen unzusammenhängenden Bildern – das ist Rob Zombie. Seine Filme arbeiten auf einer Ebene über Dialogen und Bildern. Die Irritation, Verstörung, Übelkeit, die LORDS OF SALEM auslöst, liegt nicht in der Story oder dem Visuellen an sich, sondern in der Montage. Schon ruhmreicher Regisseur und Theoretiker Eisenstein hat den Schnitt seinerzeit als den einzigen Prozess bezeichnet, der Filme zu Kunst macht. Vor dem Hintergrund jener Aussage lässt sich Rob Zombie guten Gewissens als einer der größten Künstler des gegenwärtigen Horror-Genres bezeichnen. So wie Eisenstein zusammenhangslose Bilder aneinander fügte, um einen rein emotionalen Effekt der Irritation der Faszination im Zuschauer auszulösen, so arbeitet auch Rob Zombie am Puls jener Technik. Sheri beim exzessiven Tanz – Schnitt. Die Diener des Teufels geben sich auf einen Thron der Selbstbefriedigung hin – Schnitt. Eine Kirche – Schnitt. Bunte, grelle Lichter – Schnitt. Sheri, wie sie auf den Teufel selbst trifft – Schnitt. Schließlich noch ein Leichenberg – Schnitt — und lächelnde Satansanbeter, die dem hellen Licht des Teufels ihre Arme entgegen recken. Begleitet wird diese Aneinanderreihung wahnsinniger Tabu-Bilder von satanisch dunklen Rhythmen, wie sie Rob Zombies musikalische Stärke sind. Der irritierende Schnitt errichtet zusammen mit Farbmodi und musikalischer Autonomie eine undurchdringbare Wand des körperlich spürbaren Grauens. Hätte es Rob Zombies Filme damals schon gegeben, dann hätten die Wahnsinnigen in CLOCKWORK ORANGE ihren Opfern zur psychischen Folter einen Rob Zombie Film in Replay gezeigt. Robs Bilder des Grauens treffen direkt ins Unterbewusstsein – so wie Kunst es tun sollte. Alles richtig gemacht, würde Eisenstein da sagen und bliebe damit nicht einmal der Einzige.

Um der Akteur-Theorie gerecht zu werden, die von der unverkennbaren Handschrift des Künstlers ausgeht, arbeitet Rob Zombie immer mit denselben Menschen zusammen, er integriert immer Musik-Video-Elemente und er lässt seine Geschichten immer im Satanskult wurzeln. Und da wären wir auch schon beim Grund, aus dem ein Zombie-Film direkt auf DVD erscheint und kaum Chancen auf die große Leinwand hat: Obgleich eine Masse an Filmtheorie aus den Werken des Horror-Lords zu erlesen ist, sind den Verleihern Robs Filme zu gewagt. “Moralisch bedenklich”, so haben sie damals Zombie zufolge auch sein HAUS DER 1000 LEICHEN mehr als drei Jahre lang abgelehnt. Offene Pornografie, Satansverherrlichung, brutale Folter und eine Satanisierung des Künstlerdaseins – das passt nicht ins Bild des Kinos, das Publikum könnte auf falsche Gedanken kommen. Schade, aber so ist es nun mal – auch wenn Zombie rein künstlerisch doch “alles richtig gemacht” hat. “Das liegt nicht an Ihrem Film – er kann so gut sein, wie er will. Nur zu uns passt er nicht.” – mit diesem “Es liegt nicht an dir, sondern an mir.”-Satz der Beziehungskündigung sollen die Verleiher Zombie zufolge auf seinen Erstling reagiert haben und offenbar hat sich bis heute nicht viel daran verändert. Filme mit einer wahren Story der Abartigkeit, so wie PAIN & GAIN einer ist, passen da schon deutlich besser “zu ihnen”, denn die sind moralisch ja auch problemlos vertretbar (!)

Was hier nicht ins Bild passt? Dass es gerade in einem Rob-Zombie-Film nicht um Satan geht, nicht um die Story, ja nicht einmal direkt um die Bilder. Robs Filme sind handwerkliche Meisterwerke der Grauens-Autonomie. Zum Teufel mit der Moral, wo es hier doch gar nicht um Moral geht, sondern um die Effektivität der Kunst. Gelingt Arthaus der Sprung auf die Leinwand, wie kann er Rob Zombie nicht gelingen, denn Zombies Filme sind für das Horror-Genre das, was ein Arthaus-Film für das Genre des Dramas ist – die künstlerischste Form, die das Genre überhaupt kennt. Schade, dass das moralisch offenbar weniger vertretbar ist, als der Gewalt zuliebe inszenierte Haudrauf-Brutalität in authentischer statt künstlerischer Darstellung. Na, da sieht es für das Kunst-Medium des Films ja rosig aus.

by Sima Moussavian

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