Camouflage

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Wir sind immer erreichbar. Informationen und Bildung sind nur einen Mausklick entfernt. Im Supermarkt warten von jedem Produkt Millionen von verschiedenen Sorten. Wir – die moderne, westliche Gesellschaft – haben die Wahl. Haben wir nun, was wir brauchen? Sind wir nun endlich zufrieden? Nein, das ist es ja gerade: als Kinder unserer Zeit wollen wir immer mehr, sodass zufrieden” und “glücklich” zu immer surrealerem Luxus wird.

Nein, Konsumgesellschaft und Technologiezeitalter sind nicht spurlos an der Gesellschaft vorüber gegangen. Was das Leben erleichtern sollte, hat das Leben offenbar erschwert. Konsumgesellschaft, das heißt Stressgesellschaft. Wem sich Millionen von Möglichkeiten eröffnen, der steht unter Dauerdruck – unter dem Druck zu entscheiden, dem Druck, der Beste zu sein und in einem unüberschaubaren Angebot die beste Möglichkeit zu finden. Nicht scheint mehr gut genug, nichts reicht mehr aus, denn immer gibt es etwas noch Besseres, so lehrt die Konsumgesellschaft uns. Eine niemals enden wollende Suche beginnt, die psychischen Stress bedingt und den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes krank macht – ursprünglich meist psychisch und symptomhaft dazu schließlich physisch. Doch nicht nur sind wir Stressgesellschaft, genauso sind wir Technologiegesellschaft, in der der zwischenmenschlich-direkte Kontakt verloren geht. Nicht nur den Kontakt zu einander – auch der Draht zum eigenen Inneren und das Bewusstsein für einander hat eingebüßt. Die Folgen unserer modernen Zeit sind genauso verheerende, wie tot geschwiegene. Studien zu Folge klagt ein nicht zu unterschätzender Prozentsatz der Bevölkerung, nichts fühle sich mehr genug und nichts fühle sich mehr real an. In einer Welt, die einem das Gefühl der Unzulänglichkeit gibt und in einer solchen, die sich nicht mehr real anfühlt, lässt sich schließlich umso leichter in Depression, Selbst- und Fremdgefährdung abrutschen.

Unsere Zeitprobleme sind real und besonders hart trifft es jene, die die Zeit kaum anders erinnern. Allein in Deutschland begehen jährlich über 10.100 Menschen Selbstmord. Am beunruhigendsten ist der Trend unter Heranwachsenden. So handelt es sich mittlerweile bei mindestens einem von 6 Todesfällen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen um Suizid. Eine höhere Rate ist für jene Altersgruppe nicht dokumentiert. Orientierungslosigkeit und Perspektivlosigkeit sind dabei nur zwei von unzählbaren Motiven. Vor allem eine als irreal empfundene oder von psychischer Labilität geprägte Wahrnehmung der Welt führt heute immer häufiger zu Selbst- und Fremdgefährdung. Psychische Erkrankungsrisiken sind laut Statistiken in den vergangenen Jahren verheerend angestiegen, wobei die Betroffenen häufig nicht diagnostiziert werden können, da viele, mittlerweile durchaus verbreitete Erkrankungen dem Durchschnittsbürger noch immer kaum bekannt sind. Die Bipolare Störung mit ihren manischen Episoden und ihrem vervielfachten Suizidrisiko beispielsweise ist der Öffentlichkeit kaum ein Begriff, obgleich man für die westliche Bevölkerung mittlerweile eine Erkrankungsrate von mindestens 3 Prozent annimmt.

Wie bei allem im Leben ist es auch hier das fehlende Bewusstsein, was größte Gefahr und größtes Leid birgt. Bewusstsein zu verbreiten kann dementsprechend viel verändern. War es früher konventionelle Aufgabe der Künste, Bewusstsein zu schaffen und die Aufmerksamkeit auf Missstände und Probleme ihrer Zeit zu richten, hat sich heute, zumindest was Filme betrifft, die Unterhaltung über den Weltveränderer-Anspruch erhoben. Selbstverständlich aber gilt das nicht allumfassend. Ein filmisches Weltveränderer-Projekt, das sich gerade in Post-Produktion befindet und nicht etwa metaphorisch, romantisiert oder verblended, sondern hart und direkt auf derzeit besonders gesellschaftsrelevante Themen wie psychische Erkrankungen, negative Folgen des Technologie-Zeitalters, Unterdrückung von sexueller Orientierung, Mobbing, Selbstmord und Amokläufe eingeht, ist Kyle T. Cowans Regiedebut “Camouflage”.

Das Kickstarter finanzierte Projekt erzählt die Leidensgeschichte des 20-jährigen Austin, dargestellt von Regisseur und Autor Cowan selbst, der zuletzt als Lyle in “Odd Thomas” zu sehen war. Mit einem Regiedebut von einer solchen Thematik sollte Cowan genauso deutliche wie lobliche Prioritäten gesetzt haben. Trailer und Kurzinhalt des Projekt versprechen dabei Großartiges: So soll der Film mit einem Knall beginnen. Austin befindet sich in mitten eines mentalen Blackouts und bedroht seine Altersgenossen mit einer Waffe, weil die seinen besten Freund terrorisiert haben. Im Zuge eines polizeilichen Verhörs führt Cowan den Zuschauer schließlich durch einen Cross-Cut zwischen Flashback und Gegenwart in die labile Psyche eines jungen Erwachsenen ein, dessen Leben von einem Trauma nach dem anderen geprägt ist. Bildsprachlich und musikalisch stimmungsvoll wirkt der Trailer von Cowans Projekt dabei. Auch im Hinblick auf die Besetzung lässt sich schließlich auf einen möglichst hohen Effekt des Filmes hoffen. So setzt sich Cowans Hauptcast aus ehemaligem Kinderstar Jimmy Bennett (Evan Allmächtig, Hostage, Movie 43, Orphan u.a.), Serienstar Drew Van Acker (Pretty Little Liars, Devious Maids, Tower Prep u.a.), Game-of-Thrones-Darstellerin Amrita Acharia und Cowan höchstpersönlich zusammen, wobei abgesehen davon u.a. “Halloweens” Lew Temple und “Dark Skys” Kadan Rockett von dem Projekt gefeatured werden. Auch eine Reihe junge Schaupieleinsteiger hat Cowan an Bord geholt, um ihnen den Einstieg in das Business zu erleichtern.

Hier, das sei abschließend angemerkt, hat das Technologie-Zeitalter tatsächlich sein Gutes gehabt, wenn via Kickstarter das gesellschaftlich relevante Projekt erst ins Leben gerufen wurde. Alles ist, was man daraus macht und Cowan hat sich mit “Camouflage” klar ersichtlich dazu entschieden, die Technologie mit ihren positivsten Möglichkeiten zu nutzen, um sich an ein thematisch höchst anspruchsvolles und allumgreifendes Thema zu wagen, das uns – heute noch mehr als vor ein paar Jahren – alle betrifft. Mit Sicherheit ist er damit nicht der Einzige und doch kann er als Paradebeispiel für ein leidenschaftliches Herzensprojekt angeführt werden, dass im besten Falle andere ermutigen wird, bewusstseinsbildend zu wirken.

by Sima Moussavian

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