“Inside Llewyn Davis” und das menschliche Denken in Bildern

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Die Struktur der menschlichen Kognition ist von mentalen Bildern und Metaphern geprägt. Die äußere Welt wird verbildlicht, damit der Mensch sie verstehen kann – Abstraktes und Allgemeines wird metaphorisiert, damit man sich darauf beziehen kann. Ohne seine Bilder könnte der Mensch sich keine Vorstellung machen. Ohne sie hätte er keine Realität. Man nehme die Zeit: Sie liegt vor einem, hinter einem, geht vorbei und kommt auf einen zu. Zeit ist ein sich bewegendes Objekt – sie kann “gehen” und “kommen”, sie kann “verfliegen” und “stehen bleiben” – so die zugehörige Metapher, die in unserem Geist verankert ist. Solcherlei konzeptuelle Bildübertragungen und mentale Bildstrukturen formen unsere Realität. Oben ist mehr, unten ist weniger. Oben ist gut, unten ist schlecht, denn weniger ist schlecht und mehr ist besser, so eine von Tausenden Realitätsstrukturen, die auf mentalen Metaphern aufbaut. Gedanken in Bilder zu überführen und Wahrnehmungen zu Bildern zu verarbeiten ist demnach die natürlichste Form menschlichen Erlebens. Der Film wiederum ist eine regelmäßige und lineare Aneinanderreihung von zusammenhängenden Bildern und dass uns die Filmkunst derart nahe steht, liegt nicht zuletzt daran, dass sie unseren natürlichsten Erlebnismechanismus – die Bildverarbeitung – sichtbar macht.

So wie unsere mentalen Bilder die Realität erbauen, in der wir leben, so erbauen auch Filme mit ihren wechselnden Bildern eine Realität – eine subjektivierte, die tiefen Einblick in das Weltbild des Filmemachers zulässt und unsere geistigen Bildstrukturen um seine erweitern kann. Filme können die Realität verändern, da der Film als Ausdruck eines Weltbilds und ultimative “Verbildlichung” menschlicher Weltwahrnehmung unserer natürlichen Kognition, unserem allgemeinen Denkmechanismus und unserem grundlegendsten Verarbeitungs- und Kategorisierungsmechanismus näher kommt, als alle anderen Medien. Filme sind ihre eigenen Bildrealitäten im Rahmen der allgemeinen Bildrealität, die in unserer aller geistigem Konzeptsystem besteht. Konzeptuelle Bildstrukturen, die sich von Film zu Film nicht verändern, sind demnach besonders grundlegende Bilder unserer gemeinsamen Realität. Eines davon: Leben ist kämpfen – eine Bildübertragung, die sich in Hunderten, wenn nicht Tausenden unserer alltäglichen Ausdrücke und Handlungen widerspiegelt. Der Mensch liefert sich Ereignissen aus, oder kämpft gegen sie an. Er erobert ein Herz oder einen Job und gewinnt einen Streit. Er erlebt einen Schicksalsschlag, ist von etwas getroffen oder gibt sich etwas geschlagen. Wird durch etwas niedergeschmettert, kommt wieder auf die Beine, steckt etwas weg oder gibt es auf. Um sich darauf beziehen zu können, verbildlicht der Verstand des Menschen das Leben als Kampf – mit Ausdrücken wie “getroffen sein”, “Schickalsschlag”, “Tiefschlag”, “geschlagen geben”, “zu Boden gehen” “vom Boden aufstehen” und vielen mehr. Der Erfahrungsraum, der diese so grundlegende Metapher geprägt hat, ist der Kampf ums Überleben, der in grauer Vorzeit Hauptinhalt des Lebens war. Nun ist das Bild des Lebens als Kampf in der Tat so grundlegend, dass auch die Bildrealitäten des Films es kaum ignorieren können. Impliziert ist es in jedem Film vorhanden und der Grad der Explizitheit kann den Grad der filmischen Wirksamkeit beeinflussen.

Ein aktuelles Beispiel explizitester Realisierung der LEBEN-IST-KAMPF-Metapher ist INSIDE LLEWYN DAVIS – aktuelles und zugleich effektivstes Werk der legendären Coen-Brüder. Implizit wurde die Metapher hier storybildend in Llewyn Davis´s Lebenskampf verwirklicht. Explizit verbildlichen die Coens das alle Menschen vereinende, mentale Bild des Lebenskampfs in ihrer ersten Szene: Llewyn Davis wird nach einem Auftritt niedergeschlagen und geht zu Boden. Sich wieder aufzurappeln gelingt ihm nur schwer. Dass INSIDE LLEWYN DAVIS das effektivste und packendste, das aussagekräftigste und griffigste Werk der Coens ist, ankert womöglich in der Explizitheit der LEBEN-IST-KAMPF-Metapher, die tief im mentalen Konzeptsystem jedes Menschen verwoben ist. Zur Erinnerung: Der Mensch denkt und formt seine Realität durch geistige Bilder und Metaphern. Der Film ist eine Realität aus visuellen Bildern und eine Visualisierung des grundlegendsten Verarbeitungsmechanismuses menschlichen Denkens und Erlebens. Leben ist Kampf ist eines der grundlegendsten, mentalen Bilder jenes Verarbeitungsmechanismuses und demnach menschlicher Realität. Wenn die Coens ihren Protagonisten Llewyn in INSIDE LLEWYN DAVIS auf seinem Lebensweg in einem tatsächlichen Kampf also wortwörtlich zu Boden gehen lassen, dann zeigen sie uns dabei visuell greifbar, wie unser kognitives System arbeitet, denn das Denken in Bildern teilen wir alle und genauso teilen wir das alltägliche, mentale Bild des Lebens als Kampf, das uns unsere Vorstellung vom Leben als Leben erst ermöglicht – nur, dass wir beides visuell nicht greifen können, da es sich auf rein mentaler Ebene manifestiert. INSIDE LLEWYN DAVIS lässt uns nun mit eigenen Augen sehen, wie wir als Menschen denken und wie sich unsere Realität formiert. Uns wird visuell gezeigt, wie wir funktionieren, indem wir unsere geistigen Mechanismen der Bildverarbeitung als filmische Bildverarbeitung greifbar vor uns sehen. Auf einem unbewussten Level lernen wir uns selbst als Menschen so durch Explizierungen wie die filmische der Coens verstehen.

In unserem mentalen System und unserer Realität existieren zur LEBEN-IST-KAMPF-Metapher nun zwei mögliche Folgebilder: Leben ist verlorener Kampf und Leben ist gewonnener Kampf. In INSIDE LLEWYN DAVIS ist es der verlorene. Hier hört der Film auf, Visualisierung des allgemeinen Verarbeitungsmechanismuses menschlichen Denkens zu sein und wird zur Visualisierung des subjektivierten Filmemacherweltbilds. In der Bildrealität der Coens ist das Leben verlorener Kampf und weil sie sich mit ihrer ersten Szene Zugang zu unserem mentalen System verschafft haben, trifft uns das besonders, denn wir teilen die Metapher des Lebens als verlorener Kampf plötzlich als unsere allgemeine Realität – das geht nahe und derart nahe geht es nur, weil die Coens ihre Ideologie ohne Umwege an den Bildern ansetzen, die in unserem Verstand bestehen.

Dass INSIDE LLEWYN DAVIS zusätzlich Musiker-Porträt ist, erledigt den Rest, denn wie sich die Visualisierung unserer grundlegendsten, kognitiven Verarbeitungsmechanismen ohne Umwege mit unserem Geist vernetzt, so vernetzt sich Musik als eine der ursprünglichsten Formen emotiven Ausdrucks ohne Umwege mit unserer natürlichsten Art des Fühlens. Will man der Wissenschaft Glauben schenken, dann sind die meisten unserer Gefühle nicht viel mehr als Folgen unserer Gedanken, doch Gefühle, die durch Musik erweckt werden, haben mit Gedanken meist nichts zu tun und könnten auch verstandslos gespürt werden, sodass sie als purste Emotionen zu bezeichnen sind, die ein Mensch überhaupt fühlen kann. Kurzum: INSIDE LLEWYN DAVIS greift mit seinen Bildern direkt in unseren Geist und mit seiner Musik umwegslos in unser Herz und noch etwas kürzer: Die Coens haben ein Meisterwerk abgeliefert, das ausnahmslos jeder gesehen haben sollte.

by Sima Moussavian

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