Die Qual der Wahl – Ein Filmvergleich

das_ist_das_ende

Heute war ich im Supermarkt. Nein, wie sagt man noch – in einem Kaufhaus – einem riesigen, labyrinthähnlichen, menschenvollen Kaufhaus wie es in den USA geboren wurde. Wo man angefangen bei Anzugschuhen und aufgehört bei Haifischflossen aus China alles bekommen kann, das man überhaupt suchen kann. Drinnen angekommen wurde ich 14 Mal angerempelt, 19 Mal angepflaumt und 17 Mal angehalten, weil man mich fragte, wo denn eigentlich die Unterhosen, die Dosenfrüchte, die Eheringe, die Hundehütten, das Computerzubehör, der polnische Büffelgraswodka, der indische Pfeffer wären. Ich hatte keine Ahnung, sodass ich weitere 17 Mal mit schrägen Blicken gemustert wurde, bevor ich überhaupt dazu kam, mich ans Einkaufen zu machen. Ich wollte eine Butter. Nichts Besonderes, einfach eine stinknormale Butter. Als ich vor dem Kühlregal ankam, wo ich die stinknormale Butter vermutete, war ich ratlos. Da gab es verschieden-fetthaltige Butter, das gab es Butter aus verschiedenen Nationen und es gab Butter in verschiedenster Zusammensetzung, Butter aus verschiedenen Herstellungsverfahren und Butter, die eigentlich keine Butter war, sondern ein Ersatznarhrungsmittel, das aus wieder anderen Ersatznahrungsmitteln bestand. Ich kaufe nichts und ging nachhause. Ohne Butter, dafür mit 14 Remplern, 19 Beschimpfungen und 17 schrägen Blicken mehr in meinem Erfahrungsschatz. Sie fragen sich, was mein heutiger Einkauf nun mit RIDDICK 2, DAS IST DAS ENDE, CHRONIKEN DER UNTERWELT und ALLES EINE FRAGE DER ZEIT gemein hatte? Gut, denn genau das war das Ziel.

Zunächst einmal – was verbindet die genannten Filme untereinander überhaupt? Richtig, sie alle sind 2013 erschienen – nach Sommerbeginn, um es möglichst genau zu nehmen. Jeder von ihnen war dabei aus einem anderen Grund der am heißesten erwartete seiner Startwoche: ALLES EINE FRAGE DER ZEIT wegen Regisseur Richard Curtis, der sich schon über NOTTING HILL einen Namen gemacht hat. DAS IST DAS ENDE als Regiedebüt von Seth Rogen, einer der berühmtesten Comedians der Gegenwart. Bei CHRONIKEN DER UNTERWELT lag es an der Bestseller-Romanvorlage von Cassandra Clare und ja, für einige vielleicht an der Rückkehr von Jonathan Rhys Meyers auf die Kinoleinwand, die ganze 1,5 Jahre gedauert hat. RIDDICK – CHRONIKEN EINES KRIEGERS wiederum nährte die Erwartung über den Erfolg seiner kultigen Vorgängerteile, die – nicht zuletzt über Vin Diesel und dessen ganz eigenes Verständnis von Schauspiel – einen gänzlich eigenen Filmstil etabliert hatten. Abgesehen von ihrem Startjahr und von den an sie gestellten Erwartungen haben die genannten Filme aber wirklich kaum etwas gemein. ALLES EINE FRAGE DER ZEIT ist ein britisch humoriger Zurück-in-die-Zukunft-Notting-Hill-Verschnitt. CHRONIKEN DER UNTERWELT ist ein Matrix-Silent-Hill für Twilight Fans, DAS IST DAS ENDE ein starsatirisches Alien-Weltuntergangschaos und RIDDICK 2 schließlich ein “Faster” mit Mystik-Suche mitten im Weltraum. Sie sind alle Quatsch? Sie sind alle weit hergeholt? Nein, so weit würden wir nicht gehen. Sie alle machen ihre Sache wirklich gut, wenn man je ihre Einzelteile betrachtet – RIDDICKS Sci-Fi-Teile sind düster und aufregend. Der britische Humor von ALLES EINE FRAGE DER ZEIT ist angenehm und spaßig. Die Welt verborgen in der unseren hat CHRONIKEN DER UNTERWELT atmosphärisch gestaltet und der starsatirische Teil von DAS IST DAS ENDE hat Potenzial. Nur in ihrem Gesamt aus verschiedensten Genres, verschiedensten Strängen, verschiedensten Ansprüchen verlieren sie an Wirkung. Gemeinsamkeit 3 all jener Filme wäre demnach schlichtweg die Tatsache, dass sie alle gute Filme für einen verregneten Sonntagnachmittag sind. Oberer Durchschnitt, gute Filme, aber sehr gut sind sie nicht.

Da wären wir auch schon bei Gemeinsamkeit Nr. 4, die finale, die sie alle mit meinem Aufenthalt im Kaufhaus und der Butter im Butterregal verbindet: Es ist einfach zu viel. Zu viele Genres im Falle von CHRONIKEN DER UNTERWELT und ALLES EINE FRAGE DER ZEIT, zu viele Stränge im Falle von RIDDICK 2 und zu viele Personen im Falle von DAS IST DAS ENDE, tja und im Falle der Butter im Butterregal einfach zu viele verschiedene Sorten. Die Qual der Wal, das ist nicht einfach nur eine Phrase, Möglichkeitenvielfalt ist in der Tat quälend und belastend. Im Falle der Butter zeigt sich doch deutlich, was geschieht, wenn da zu viele Möglichkeiten sind: nicht etwa mit der besten Butter kam ich heute nachhause, sondern mit leeren Händen. Und nicht etwa die besten Filme sind RIDDICK 2, CHRONIKEN DER UNTERWELT, ALLES EINE FRAGE DER ZEIT und DAS IST DAS ENDE durch ihre Vielfältigkeit: Sie holen weit aus, überladen sich selbst und sind für den Zuschauer voller verschiedener Möglichkeiten der Sympathisierung, doch sympathisieren will man am Ende mit keiner einzigen all jener. Es geht also genauso aus wie mit dem Butterregal: obwohl sie so voll sind, sind sie für den Betrachter irgendwie leer. Sie erzählen alles und doch gar nichts. Leere Hände also heute für mich wegen zu vielen Buttersorten und leere Hände, wenn es um den tatsächlichen Effekt-Gehalt der genannten Filme geht. Das ist wirklich traurig, denn sie alle hätten phantastisch werden können. Auch mit der Butter ist es traurig, denn sie hätte phantastisch auf meinen Vollkorntoast gepasst. Mit “Do or die.” ist es seit 2013 dem Anschein nach leider vorbei und auch mit “Ganz oder gar nicht.” ist nichts mehr. Ich heute im Supermarkt und der Film im Sommer 2013 sind an der Entscheidungslosigkeit erkrankt. SOS! Hilfe! Bitte um Heilung!

by Sima Moussavian

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