Carrie und die Kunst des Remakes

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Mit Remakes ist es so eine Sache: Zu nah am Original und der Kritiker fordert Kreativität. Zu weit davon entfernt und der eingefleischte Fan kann nicht überzeugt werden. Trotz jener Schwierigkeit kommen die Bilder der Vergangenheit, wenn einem erfolgreich gewesen, so schnell nicht zur Ruhe. Geld lässt sich mit Remakes schließlich ein ganzer Haufen machen: Die Zielgruppe erweitert sich von der gegenwärtigen Generation der Kinogänger auf die überholte Generation der Filmfanatiker, die schon das Original im Kino gesehen hat. Oder doch nicht?! Wenn Opa vom Krieg erzählt, dann versteht Jung’ nur Bahnhof. Wenn Jung’ von Gangster Rap, Tweeten und Booten berichtet, dann schüttelt Opa den Kopf. Hinzu kommt der Sprachwandel: Opa erzählt vom Labsal seiner Jugend und fragt sich, warum die Burschen von heute so schlampampen. Jung’ dagegen wundert sich unterdes, worüber Opi da eigentlich so “abgeht”. Der Generationenkonflikt ist vorprogrammiert und bleibt oft unversöhnbar. Remakes tragen nun einen ähnlichen Generationenkonflikt in sich, denn wie jeder sprachliche Code ändert sich auch der filmsprachliche mit den Generationen. Was ein Film vor 20 Jahren bewirkt hat, kann er in der Gegenwart nicht bewirken – es sei denn die veraltete Sprache des Originals wird in moderne Filmsprache überführt. Ein Remake gleicht einer Übersetzung von Altdeutsch ins Gegenwartsdeutsche. Was aber, wenn zum Alt kein Neu existiert? Worte wie “Wählscheibe” zum Beispiel werden statt übersetzt vollständig gelöscht, weil das, was sie bezeichnen, nicht mehr existiert. Kann ein Film wie ein Wort an Funktionalität verlieren? Glücklicherweise nicht, denn ein jeder Film ist Kunst. Endziel von Kunstsprache wiederum ist nie das Bezeichnen, sondern das Fühlen-Lassen. Vorrangig transportieren Filme emotionale und ästhetische Qualitäten. Zwar erzählen sie eine Geschichte, die wie ein Wort an Funktionalität verlieren kann, die Emotion jedoch, zu deren Transport die Geschichte angelegt wurde, kann unmöglich an Funktionalität verlieren. Egal wie viele Jahre vergehen, hat es so immer eine Berechtigung, ein altes Kunstwerk in die Gegenwart zu überführen, denn Kunst funktioniert nicht auf rationaler, sondern emotionaler und ästhetischer Ebene. Ein gutes Remake sollte die gegenwärtige Generation in diesem Sinne alle emotionalen und ästhetischen Qualitäten erfahren lassen, die von der überholten Generation bei Betrachten des Originals erfahren wurden. Remaking sollte eine Wirkungswiedergabe sein. Die Geschichte, die mit der Zeit an Funktionalität verliert, wird modifiziert, um eine neue Generation die Emotion und Ästhetik erfahren zu lassen, die eine vorausgegangene Generation über den originalen Film erlebt hat. Zurück zum Übersetzungsvergleich: Übersetzt man von einer Sprache in eine andere und begegnet einem dabei eine Formulierung, die pure Emotion wiedergeben soll, dann werden Form, Wörter und oft sogar Bedeutungsinhalt der Ursprungsformulierung verändert, damit in der anderen Sprache über Reformulierung die eigentlich intendierte Emotion fühlbar werden kann. Übersetzen ist immer modifizieren – in jeder Sprache, also auch in der Filmsprache. Ein gutes Remake verändert demnach die Formulierung – die Kameratechnik, die Effekttechnik, die Bildkomposition, die Montage – und meist auch den Inhalt – die Geschichte – um die emotiven und ästhetischen Werte des Originals mit der Filmsprache der Neuzeit wiederzugeben. Davon ausgehend zur 2013er Ausgabe von CARRIE…

Bei CARRIE hat man es mit einem Sonderfall der “Übersetzung” zu tun. Da es sich bei der Geschichte ursprünglich um einen Stephen King Roman aus dem Jahre 1974 handelt, musste die Erstverfilmung zunächst jenem gerecht werden – eine transmediale Übersetzung musste statt finden. Zumindest konnte von einer temporalen Übersetzung abgesehen werden: Zwischen Erstveröffentlichung des Romans und seiner Erstverfilmung lagen schließlich nur 2 Jahre. Die Geschichte des Romans wurde in der Erstverfilmung nun kaum verändert: Die telekinetisch begabte und von ihren Mitschülern gehänselte Carrie bringt in einem Amoklauf ihre halbe Schule um und wird von ihrer wahnsinnigen Mutter ermordet, die selbst einem Gotteswahn verfallen ist und ihre Tochter für die Ausgeburt Satans hält. Verändern musste Regisseur Brian Del Palma die Geschichte zur Wiedergabe der emotionalen und ästhetischen Werte des Romans deshalb nicht, weil die Handlung in seinem Medium, dem Film, unmodifiziert dieselbe Schockierung auslösen konnte, wie Stephen Kings Roman 2 Jahre zuvor in seinem. War der Roman im Medium des geschriebenen Worts innovativ und brach Tabus, so war auch Del Palmas filmische Wiedergabe derselben Geschichte innerhalb des Filmmediums neu und gewagt. Der düsteren Grundstimmung wurde Del Palma durch eine Übersetzung in düstere Bildsprache gerecht. Montage und Kameraführung setzte er zur Nachahmung von Kings Erzählhaltung ein. Damit wart die angemessene Übersetzung auch schon geschafft. CARRIE war einer der ersten übernatürlichen Horrorfilme mit psychologischer Studie, genauso wie Stephen Kings Roman einer der ersten übernatürlichen Horrorromane mit Menschheitsstudie war.

Schalten wir nun zum Jahr 2013: Peirce versucht sich an einem CARRIE Remake und bleibt an der ursprünglich so schockierenden, innovativen und Tabu brechenden Geschichte kleben, wie eine Fliege an langsam trocknendem Blut. Zur Übersetzung des Stoffs in die Moderne verlegt Peirce das Mobbing gegen Carrie zumindest auf die virtuelle Ebene, was für eine gewisse Aktualität sorgt. An der Story verändert sie ansonsten kaum etwas – und wird so den meisten ästhetischen und emotiven Qualitäten, die die Erstverfilmung ausmachten, nicht gerecht. Schockierung, Tabu-Bruch, Innovativität und ungewohnte Düsterheit wurden vom Publikum 1976 erfahren. Da Peirce die Story kaum modifiziert, wird das Gegenwartspublikum aus dem Remake nun nicht mit Fassungslosigkeit, dem Eindruck des Tabu-Bruchs oder dem der Innovativität entlassen, denn die gleiche Story, die vor mehr als 30 Jahren Jahren schockierend, innovativ und tabulos gewirkt hat, könnte das all jene Jahre später nur dann, wenn in der Zwischenzeit kein einziger Film erschienen wäre. Anders als die Geschichte verändert Peirce nun über Kamerahaltung, Bildkomposition und Montage etwas an Erzählhaltung und Stimmung des Films – letztlich ja sogar am Genre. Noch einmal zur Erinnerung: Die Erstverfilmung von CARRIE wurde als waschechter, für damalige Verhältnisse schockierend brutaler Horrofilm wahrgenommen. Die Neuverfilmung fühlt sich für das gegenwärtige Publikum jedoch an, wie ein Drama mit Thrillerzügen.

Das Fazit: CARRIE Reloaded modifiziert genau das, was ein Remake nicht modifizieren, sondern für die neue Generation wiederherstellen sollte – die Wirkung – und behält genau das bei, das solange modifiziert werden sollte, bis der ursprüngliche Effekt des Originals für das moderne Publikum wiedergestellt ist – die Geschichte. CARRIE (2013) ist Opfer des Generationenkonflikts. Ein guter Film, aber kein besonders gutes Remake. Vielleicht ist es heute auch gar nicht mehr das Remake, sondern die Hommage, die am ehesten der Wirkungsübersetzung gerecht wird, die ursprünglich vom Remake erbracht werden sollte.

by Sima Moussavian

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