Der Teufelsgeiger

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Bernard Roses TEUFELSGEIGER ist ein Liebesgedicht an Paganini und die Romantik-Epoche, das trotz filmischer Unstimmigkeiten mit teuflisch guter Musik berührt

Faszination für das Andersartige, Groteske und Unheimliche, zerstörerische Sehnsucht nach dem Unerreichbaren und Gott geküsstes Künstlergenie – wo sind jene Konzepte häufiger zu finden, als in der Epoche der Romantik? Weil er zu Zeiten jener gelebt hat, wurde Geiger Paganinis Leben und Schaffen von der romantischen Ideologie geprägt und wie Rose beweist, lässt er sich sogar als Sinnbild des romantischen Gedankenguts betrachten. DER TEUFELSGEIGER orientiert sich wie für eine dramatische Musikbiografie eher untypisch nicht an trockenen Fakten, sondern führt seine Einzelelemente auf die romantische Ideologie zusammen. Seine Romantik-Referenzen zumindest verwebt Rose mit sanfter Feingefühl, die sogar ein Romantiker beneidet hätte.

Paganini tritt als Künstler-Genie in Erscheinung, dessen Andersartigkeit die Mengen genauso fasziniert, wie es sie verängstigt. Die Schattenseite des Künstlers Seele arbeitet Rose als Spiel- und Prunksucht heraus, das Such- und Sehnsuchtsmotiv der Romantik nimmt er sich als als motivierendes Moment. Wie es sich für jeden Romantik-Verweis gehört, verwebt Rose seine Geschichte mit der Epochen-typischen Faszination für die Natur: Dichter Nebel hängt über dem Londoner Hafen, als der Künstler die Stadt erreicht, und – um das Motiv der umnachteten Seele noch zu betonen – wurde ein Großteil des Films in die dunklen Tiefen der Nacht gelegt. Die Auffassung von Paganini als vom Teufel geküsster Künstler macht nicht nur der Schauer-Romantik alle Ehre, sondern fädelt geschickt eine Intermedialität mit Goethes FAUST als Sinnbild des romantischen Dramas ein.

Über die explizit realisierte Ebene der Musik tritt der Film als Huldigung an die romantische Gattungsmischung mit einer weiteren Kunstform in Dialog. Roses abwechslungsreiche Kamera-Haltungen und Angles geben der Narration dabei einen vielschichtigen Subtext. Die ungewöhnliche Ambivalenz seiner Montage veranschaulicht die Figurenbeziehungen, dient einmal raffend und das nächste Mal kontrastierend, einmal zusammenführend und das nächste Mal vorausdeutend. Der Zuschauer erlebt Paganini einmal aus nächster Nähe und die Szene darauf aus weiter Distanz, um sich ein möglichst umfassendes Bild von ihm zu machen. Eine Verschmelzung von Publikum und Geiger ist technisch nicht angelegt – loblicherweise, da sie Paganini die Faszination des “Fremden” rauben würde.

All das gilt zumindest für die erste Hälfte des Films. In der zweiten verliert der Film die Romantikreferenz und damit den ungewöhnlichen, roten Faden, der die Geschichte so sehenswert gemacht hätte. Zwar lässt sich über die Kraft der Musik und der inszenierten Konzerte nicht streiten, doch spätestens als die Hauptebene des Films zu einer romantischen Liebesschnulze wird, verliert das Werk an Unterhaltungswert. Die eigentlich als Hauptmoment angelegte Teufelsthematik, die den Film derart interessant gemacht hat, wird einfach links liegen gelassen, sodass Anfang und Ende relativ unzusammenhängend wirken.

David Garrett gibt dem Protagonisten zwar teils die düster dramatische Anziehungskraft einer geplagten Künstlerseele, doch wirken viele Szenen etwas “überspielt”. Dass Garrett vor allem im direkten Zusammenspiel mit Jared Harris auftritt, hilft dem nicht allzu sehr. So ist Harris wie gewohnt in Top-Form und beweist, dass die Rolle des teuflischen Managers ihm besser liegt als alles andere. Hier hätte man kaum treffender besetzen können, doch Harris’ Können hebt Garretts schauspielerische Unerfahrenheit unglücklicherweise noch hervor. Richardson bricht mit ihrer Rolle aus ihrem Königinnen-Image aus und mutiert zu einer knallharten, Bier trinkenden und fast schon Bar-schlägernden Journalistin. Hier hat Rose sich einen augenzwinkernden Schlenker auf die Presse erlaubt, der sich in eine Milieuschilderung der modernen Zeit zugegebenermaßen etwas authentischer hineinschmiegen würde, als in das Zeit-Milieu der Romantik.

by Sima Moussavian

Infos zu Der Teufelsgeiger
 
Kinostart31.10.2013
Länge123 Minuten
GenreDrama/Musik/Biografie
RegieBernard Rose
DarstellerDavid Garrett,
Andrea Deck,
Joely Richardson
Jared Harris
u.a.
VerleihUniversum Film
Punkte5 / 10

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