Der Schaum der Tage

der_schaum_der_tage

DER SCHAUM DER TAGE ist stellenweise so schmackhaft, wie der dicke Milchschaum auf einem warmen Cappuccino – ähnlich wie dieser fällt er jedoch schnell in sich zusammen.

Und noch eine Romanverfilmung. Mit jenen hat der Kinogänger es im Jahr 2013 oft genug zu tun gehabt und obgleich einige von ihnen die Intermedialität als Sprungbrett für eigene Entwicklungen genutzt haben, hat schon die Stoff-Selektion genauso viele von ihnen überfordert. DER SCHAUM DER TAGE wirkt dem mit einem Spitzen-cast entgegen und hofft offenbar, dass schon die hochkarätige Besetzung aus Romain Duris, Audrey Tautou und Frankreichs aktuellem Shooting-Star Omar Sy die nötige Griffigkeit in die Story integriert. Nun können gute Darsteller so einiges wieder gut machen, weil sie ihren Figuren, so vage sie auch angelegt sein mögen, zumindest Eigenheit verleihen. Doch ein narrationsbedingt fehlendes Band zwischen Protagonisten und Publikum können auch sie nicht vollständig ersetzen. So kommt es, das DER SCHAUM DER TAGE anfänglich noch felsenfest steht, schließlich jedoch in sich zusammenfällt und zu einer Brühe verläuft.

Einen ausgefallenen, surreal inszenierten Film materieller Sinnlichkeit lassen Eröffnung und erste Hälfte noch erwarten. Referenzen auf einschlägige Genre-Verwandte gibt es genug. Die wohl aussagekräftigste ist AMELIE-Star Audrey Tautou selbst. Einige von Gondrys traumhaften und unkonventionellen Details geben seiner adaptierten Welt eine fast poetische Dimension. Als er aber gegen Mitte der Inszenierung die Surrealität des Sinnlichen dem Drama der Realität unterordnet, löst sich der poetische Ton wie ein Traum in Luft auf und lässt eine deprimierende Leere zurück. Das mag von Gondry so beabsichtigt worden sein – zum Cut in der Narration passt der Wechsel der Stimmung gut, doch mit der poetischen Dimension verliert der Film unglücklicherweise die Beziehung zum Publikum.

Wenn der neue Ton die Tristes von Chloes Erkrankung auch noch so stützt: Man will und will all das Drama nicht dramatisch finden, denn trotz Spitzen-Cast reduziert sich der emotionale Layer mit Gondrys überarbeitungswürdigem Timing und der Reduktion all seiner surrealen Elemente auf annähernd Null. Gondry hat sich nicht entscheiden wollen und sich im ersten Teil des Films auf einen Herz erwärmend wunderbaren Look verlassen, der zum Träumen anregt und von der Narration gestützt wird. In der zweiten Hälfte des Films will er nun zeigen, dass er auch den gegensätzlichen Ton beherrscht und dreht den Spieß um, sodass sein Film alles Verspielte verliert und seine trist realen Elemente nun die Narration stützen. Tatsächlich kann Gondry dabei zeigen, dass er in einer sinnlich traumhaften Welt genauso Zuhause ist, wie in trist dramatischer Realität.

Auch der Schnitt zwischen den zwei Sichtweisen ist, wenn auch gewöhnungsbedürftig radikal, durchaus interessant. Ab jenem jedoch zieht DER SCHAUM DER TAGE seine schwere Tristes in die Länge, wie er seine Protagonisten noch in der surrealen Welt ihre Gliedmaßen in die Länge ziehen lässt. In Konsequenz dazu beginnt der Zuschauer sich abwesend nach den sanften Details und von Musik getragenen Inszenierungen der anfänglichen Welt zurück zu sehnen. Der Rest des Filmes zieht dabei an ihm vorbei, wie ein bummelnder Dorfzug, der nicht schnell genug das Ziel erreicht. Da in der ersten Hälfte des Films Protagonisten und Handlung ohnehin hinter Gondrys impressionistisch-expressionistische Gestaltung zurück getreten sind, will es den Zuschauer nicht einmal richtig interessieren, ob der Zug sein Ziel überhaupt erreichen wird. Unverblümt gesagt stehen einem die Protagonisten nicht nahe genug, als dass man sich für ihr Schicksal interessiert. Der wahre Protagonist in DER SCHAUM DER TAGE ist Gondrys verspielte Welt. Statt für etwaige Personen interessiert man sich allein für sie, sodass ihr Verlust in der Filmmitte für den Zuschauer dem Verlust einer nahe stehenden Person gleich kommt.

Das Band zwischen Publikum und Film zerreißt. Doch wie sagt man noch so schön: Lieber das Wunderbare einmal erlebt und schmerzlich losgelassen, als es niemals kennen gelernt. Daher rechtfertigt schon die erste Hälfte des Films den Kinogang, wo sich hier dank Gondrys federleichter Sanftheit doch so wundervoll träumen lässt.

by Sima Moussavian

Infos zu Der Schaum der Tage
 
Kinostart03.10.2013
Länge125 Minuten
GenreTragikomödie/Fantasy
RegieMichel Gondry
DarstellerRomain Duris,
Audrey Tautou,
Omar Sy
u.a.
VerleihStudiocanal
Punkte6/10

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>