Chroniken der Unterwelt – City of Bones

Uninspiriertes Fantasy-Sequel, bei dem nur die Optik für Überraschungen sorgt

Haben wir es hier mit einer Twilight-Imitation zu tun? Ist Cassandra Clare, Autorin der Buchvorlage, etwa nur eine von Dutzenden Urban-Fantasy-Autorinnen, die “Harry Potter”, “Hunger Games” und Co zusammengeworfen hat, um es zum Bestseller zu bringen? Nein, das ist nicht der Fall. So hat zumindest die Romanvorlage zu “Chroniken der Unterwelt” den genannten Jugendbüchern und deren Adaptionen eines voraus: einen subtilen Layer existenziell-philosophischer Bedeutungsschwere. In der Essenz geht es hier nämlich um Schuld und Unschuld, um Bewusstsein und die Opposition von Unsterblichkeit und Sterblichkeit.

Nun zum großen Problem der Verfilmung: Um möglichst viele Facetten zu bieten und möglichst viel des Buchstoffes wiederzugeben schießt “Chroniken der Unterwelt” mit einem Tempo voran, das ruhigen Momente der Bedeutungsschwere den Platz zur Entfaltung nimmt. In einem Feuerwerk hervorragend umgesetzter und doch zu schnell wechselnder CGI-Effekte kristallisiert sich das eigentliche Thema nur vage heraus. Etwas schade, wo jenes dem Film mit Sicherheit über ermüdende Vergleiche mit Twilight und Co hinweg geholfen hätte.

Zumindest bietet die Jugendbuch-Adaption konzeptuellen und darstellerischen Facettenreichtum: Fantasy-Elemente vermischen sich mit Slasher-Schockmomenten, zauberhafte Romantik vor Avatar-Kulisse trifft, so vor allem dank Robert Sheehan, auf selbstironisch-humoreske Sequenzen und vergleichbar harte Action schleust sich durch ästhetisch-horroeske Bilder des düsteren Gothic-Styles. Was Harald Zwart auf die Leinwand zaubern wollte, ist offensichtlich nicht nur Dreiecks-Liebe a la “Twilight”, es ist nicht einfach ein Actionstreifen mit Fantasyelementen wie “Hunger Games”, sondern ein surrealer Film mit stylischer Fantasy-Ästhetik, der das Niveau eines reinen Fantasy-Unterhaltungsstreifens durch seine thematisch eigentlich angelegte Tiefe mit Leichtigkeit hätte überflügeln können. Hätte können, wenn die Macher sich etwas mehr auf die Essenz der Story und das Talent der Darsteller verlassen hätten, statt in Windeseile eine Genrereferenz nach der nächsten auszupacken und einen Effekt nach dem anderen heraus zu schleudern. Grundton, Szenen und Szenerien wechseln einen Tick zu schnell, als dass sich die Atmosphäre von Plot und Fantasy-Welt zu dem düster-anziehenden Flair entfalten kann, zu dem sie eigentlich das Zeug hätte.

Erscheinen, kompositionelles Timing und Dialogentwicklung zunächst auch verbesserungsfähig und wirkt der Film zuweilen übereilt und überladen, was bei einer Buchvorlage von über 500 Seiten nur bedingt vorzuwerfen ist, überzeugt glücklicherweise zumindest die schauspielerische Seite einschränkungslos. In weiten Teilen kann sich “Chroniken der Unterwelt” von der Intensität seiner Darsteller nähren: Als Clary gelingt es Lilly Colllins, die phantastische Szenerie zu erden, um den nötigen Boden zur Identifizierung zu geben. Als Schattenjäger Jace verlässt Jamie Campbell Bower den Schatten von Robert Pattinson, in dem er er sich noch in “Twilight” bewegte und saugt das Publikum in die düsteren Schatten seiner und schließlich der storytechnischen Andersartigkeit auf. Genauso viel Kantigkeit verleihen Jamima West und Kevin Zegers ihren Schattenjäger-Charakteren, sodass man sich kaum mehr wundert, als Clary sich so sehr von der anderen Welt angezogen fühlt, dass sie ungewöhnlich schnell über den Schock hinweg kommt, den das Wissen über die Existenz einer solchen bedeuten sollte. Können böse Zungen das auch einen konzeptuellen Fehler nennen, der die Glaubwürdigkeit ihres Charakters in Frage stellt, so wirkt sich das Tempo hier zumindest positiv aus, da es zusammen mit den spitzfindigen Kommentaren von Robert Sheehans Charakter Simon über den ein oder anderen Logikbruch hinweg zu spielen vermag.

Es geht also drunter und drüber in der Welt verborgen in der unseren. Ob Matrix ähnliche Seherinnen, Silent Hill ähnliche Dämonen, flairige Soundeffekte oder kriegerische Schwertkämpfe zwischen Jace und genauso wahnsinnigem wie wahnsinnig brillantem Antagonisten Valentine Morgenstern, die das weibliche Publikum durchaus hypnotisieren dürften. Dass Jonathan Rhys Meyers seinen Charakteren in der Vergangenheit über eine gänzlich surreale Art der Schauspielerei genauso viel ästhetischen Anmut, wie konfliktreiche Intensität und polarisierende Faszination verleihen konnte, sollte dabei hohe Erwartungen an seine Darbietung als Valentine gestellt haben. Umso lobenswerter, dass er jenen Erwartungen souverän gerecht wird. So lässt ein einziger Blick Valentines einem das Blut in den Adern gefrieren, während es ihm zugleich gelingt, dem Sinnbild des Bösen mit theatralischer Ausdrucksstärke und filmeinnehmender Präsenz unter dem allgegenwärtigen Schleier verheerender Bedrohlichkeit einen motivierenden Layer der leidenden Zerrissenheit beizumengen, der eine lautlose Antwort auf die existenzielle Frage nach der Faszination des Bösen zu geben vermag.

“Chroniken der Unterwelt- City of Bones” ist so dank packender Effekte und faszinierender Darsteller trotz kompositionellen Unstimmigkeiten ein durchweg intensives Erlebnis, das unter die Haut geht. Wenn die Fortsetzung schließlich auf das klischeehafte Anreißen möglichst vieler Genre und Thematiken verzichtet, um sich auf das eigentliche Thema zu konzentrieren und dem Zuschauer zugleich mehr Raum zu geben, die hypnotisierende Tiefe der Schauspieler auf sich wirken zu lassen, dann hat soeben gut möglich die verborgene Welt eines neuen Fantasy-Kults das Licht unserer Welt erblickt.

by Sima Moussavian


Infos zu CHRONIKEN DER UNTERWELT - CITY OF BONES
 
Kinostart29.08.2013
Länge130 Minuten
GenreFantasy
RegieHarald Zwart
DarstellerLilly Collins,
Jamie Campbell,
Jonathan Rhys Meyers
u.a
VerleihConstantin Film
Punkte6 / 10

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