Andrea Deck Interview (“Der Teufelsgeiger”)

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Im Zuge der TEUFELSGEIGER-Premiere in München erklärt uns David Garrett, dass er die Schauspielerei nach seinem Paganini-Ausflug eigentlich nicht weiterverfolgen möchte. Ganz anders steht es da um die Zukunftspläne von Kollegin Andrea Deck, die in der Biografie als Paganinis Muse Charlotte in Erscheinung tritt. Teuflisch gut gelaunt stellte sich die Londonerin zusammen mit Garrett am roten Teppich den Fragen der Journalisten. In unserem Interview betont sie, sie habe vor dem Projekt kaum etwas mit der Presse zu tun gehabt – anzusehen war ihr das auf der Premiere nicht. Während unseres Gesprächs gewinnen wir den Eindruck, dass man die Newcomerin wohl einfach gerne um sich hat. Locker, offen, humorvoll und leidenschaftlich lässt sie sich auf unsere Fragen ein und hat ganz nebenbei übrigens auch schauspielerisch und musikalisch durchaus etwas auf dem Kasten. Andrea Deck ist eine, der man Erfolg von ganzem Herzen gönnt. Warum, das sollte auch beim Lesen unseres Interviews mit ihr spürbar werden…


Bist du heute das erste Mal in München?

Nein. Wir haben in den Bavaria Filmstudios München gedreht. Ich habe allerdings nicht besonders viel von der Stadt gesehen – aber noch immer mehr, als ich heute sehen werde. Ich bleibe dieses Mal nur 24 Stunden. Leider, denn ich liebe die Stadt und ihre Leute und würde gerne viel mehr davon erleben.

Warum wurde in Deutschland gefilmt?

Eigentlich kennt den genauen Grund nur die Produktionsabteilung, aber wir hatten ein wirklich tolles Set. Es war perfekt. Da hätten wir auch schon einen Grund! (lacht).

Du lebst zur Zeit in London. Hast du Lieblingsorte?

Um Weihnachten herum liebe ich Covent Garden, weil es dort im Winter sehr magisch wird. Ich liebe Richmond – ein Ort ein Stückchen außerhalb, der einem ein wunderbar ländliches Gefühl gibt. Dort an der Themse spazieren zu gehen und die Sonne untergehen zu sehen ist einmalig. Ich mag auch viele Märkte – Borough Market am Samstag Morgen zum Beispiel ist absolut hektisch und skurril, aber die Energie ist wundervoll.

Besitzt du einen musikalischen Hintergrund?

Ich habe immer gerne gesungen. Schon als ich klein war wollte ich Opernsängerin werden. Ich habe in Privatunterricht alle Arien gelernt, die ich mit meiner Stimme irgendwie umsetzen konnte. Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich so gerne singe, weil ich gerne Geschichten erzähle – genau das ist es nämlich, was man tut, wenn man die Emotionen eines Songs transportiert. Als ich das erkannt hatte, wollte ich in die Schauspielerei. Ich habe in London an einem Schauspielprogramm teilgenommen und konnte Musik und Schauspielerei von da an miteinander verknüpfen. Ich glaube, dass diese beiden Leidenschaften sich gegenseitig beeinflusst haben.

Kommt das Schreiben zum Erzählen einer Geschichte für dich nicht infrage?

Schreiben kam für mich tatsächlich nie infrage, dafür ist das Produzieren noch eine Form des Geschichtenerzählens, an der ich mich gerne versuche. Gerade jetzt produziere ich zusammen mit meinem Bekannten Ben zum ersten Mal einen Film. Der Name lautet CREDITORS und wir sind gerade dabei, über Kickstarter Geld zu sammeln. Mein Bekannter hat den Film geschrieben, ich habe das Skript gelesen und war begeistert, sodass wir eine kleine Produktionsfirma eröffnet haben und das Projekt nun umsetzen wollen. Das Skript basiert auf einem Theaterstück von Strindberg, das von einem Liebesdreieck handelt und sich zu einem psychologischen Thriller entwickelt.

Hattest du vor dem TEUFELSGEIGER eine Ahnung von Paganini?

Ein bisschen, aber deutlich weniger, als ich hätte haben sollen. Mein Bild von ihm hat sich mit dem Film nicht nur verändert – es hat sich über den Film erbaut. Ich fühle mich jetzt deutlich besser informiert.

Paganini und deine Figur Charlotte teilen im Film die Leidenschaft für Musik. Wie wichtig sind geteilte Leidenschaften für eine Beziehung?

Sehr wichtig. Was für eine Art der geteilten Leidenschaft das ist, finde ich aber relativ unwichtig. Auch die Leidenschaft, andere gut zu behandeln, kann Menschen verbinden. Genauso kann es reichen, wenn beide Partner Offenheit teilen. Die Gemeinsamkeit muss also keine konkrete oder berührbare sein, obwohl ein gewisser Grad an fassbarer Gemeinsamkeit sicher hilft.

Woher kommt die gemeinschaftbildende Kraft von Musik?

Wie man so schön sagt, ist Musik eine universale Sprache. Wenn ich etwas höre, dann trifft es mich direkt ins Herz. Es umgeht meinen Verstand und erreicht meine Emotionen ohne Umwege. Man kann nicht über Musik nachdenken oder angemessen von ihr sprechen. Man kann sie nur fühlen und egal welchen Alters, welchen Geschlechts oder welcher Rasse kann das absolut jeder. Man braucht noch nicht mal eine Ausbildung oder irgendeine Form von Wissen dazu.

Charlotte inspiriert Paganini im Film. Gibt es einen Unterschied zwischen Inspiration und Liebe?

Ich glaube wahrhaftige Liebe ist immer Inspiration. Große Liebe lässt einen zu einer besseren Person werden, weil man dem anderen nur das Beste von sich geben möchte. Daher denke ich, dass Inspiration und Liebe schnell zu Synonymen werden.

Was inspiriert dich?

Mich inspirieren Menschen, die hart arbeiten – völlig unabhängig von ihrem Beruf. Ich fühle mich inspiriert, wenn jemand entgegen aller Widerstände an seine Arbeit glaubt und sein Ziel trotz Niederlagen und Schwierigkeiten weiter verfolgt. Ich selbst versuche täglich, so nahe an diesen Anspruch heran zu reichen, wie möglich. Ich bemühe mich, ganz nach dem Motto “Volle Kraft voraus!” zu leben.

Paganini erklärt Charlotte, dass er selbst Musik ist. Ist das Definieren des eigenen Selbst über eine Beschäftigung eine Selbstlimitation und somit schädlich?

Absolut. Ich denke, das trifft den Nagel auf den Kopf. Jede Person ist mehr, als die Beschäftigung, die sie ausübt. In Musik ist viel Menschliches – nicht zuletzt viel Emotion – aber Musik ist noch immer keine Person. Wenn man mit und innerhalb von etwas lebt, das nicht menschlich ist, dann führt das zu unglaublicher Limitation. Paganini liebt Musik und er liebt sich selbst in Musik, aber er schottet sich als Person darin ab. Er könnte sich genauso gut zusammen mit seinem Instrument in einem Zimmer einsperren. Manchmal ist das der Musik förderlich, aber der ultimative Anspruch sollte die Interaktion mit anderen Menschen bleiben – in seinem Falle die Interaktion, um die Musik mit anderen zu teilen.

Nun erfordert eine Karriere wie die Paganinis definitiv Konzentration. Ist Einsamkeit der Preis für künstlerische Brillanz?

In meinem Beruf würde ich davon nicht ausgehen. Gerade in der Schauspielerei lebt man von der Interaktion mit anderen Menschen. Wenn du alleine in einem Raum sitzen bleibst, dann kannst weder wachsen, noch deinen Blick verändern, weil du keine anderen Sichtweisen kennenlernst. Du stagnierst. Vielleicht entwickelst du in Isolation eine bestimmte Fähigkeit weiter, aber das nur in Grenzen, solange du sie mit niemandem teilst und durch die Interaktion mit anderen nicht aus immer neuen Blickwinkeln betrachtest. Andererseits muss man sich dem Erlernen einer Sache durchaus mit Haut und Haaren widmen, wenn man sie brilliant beherrschen will. David Garrett zum Beispiel könnte wahrscheinlich niemals so spielen, wenn er seine Konzentration von Zeit zu Zeit nicht ausschließlich auf das Spielen richten würde. Ich bin sicher, dass man sich dabei auch einsam fühlen kann. Für großes Können gibt man immer auch etwas auf, aber gerade ein Meister der Künste kann nicht kontinuierlich einsam sein, weil seine Kunst sich sonst tot anfühlen würde.

Paganinis Süchte nehmen einen Großteil des Films ein. Sind Künstler Suchtpersönlichkeiten?

ich glaube nicht, dass Künstler generell anfälliger für Suchterkrankungen sind, aber ich denke dass der “Lifestyle” eines Künstlers die Person öfter in Versuchung bringt. Künstler bewegen sich in Milieus, in denen Suchtstoffe leichter zu bekommen sind. Ist man ununterbrochen von solchen Stoffen umgeben, dann kann es schwieriger sein abzulehnen.

Sind Künste selbst Suchtstoffe, in denen man sich leicht verliert?

Auf jeden Fall. Dass ich schon in jüngten Jahren ununterbrochen vor meinen Eltern vorgesungen habe, hat einen Grund: Ich konnte nicht mehr aufhören. Ich kann nicht für andere sprechen, aber für mich ist Performen und Kreieren definitiv eine Sucht. Die Euphorie, die ich dabei spüre, und die Leidenschaft, mit der ich performe, sind Suchtsstoffe, aber ich bin sehr dankbar, dass ich damit in Berührung gekommen bin.

Wenn wir im Sinne des TEUFELSGEIGERS vom Teufel in unserem eigenen Inneren sprechen – wie lassen sich unsere Dämonen kontrollieren?

Ich glaube, wenn man zu sich selbst und anderen so ehrlich und wahrhaftig wie möglich ist, dann findet man zu Reinheit. Ich bin nicht sicher, ob wir alle Engelchen und Teufelchen auf unserer Schulter sitzen haben oder vielleicht sogar einen Teufel in uns tragen, den wir konstant unterdrücken, aber ich denke, dass Reinheit dem Teufel auf jeden Fall entgegen steht.

Der Film zeichnet sein eigenes Bild von Journalisten und Journalismus. Entspricht das gezeigte auch deinem Bild von der Presse?

Ich habe bisher nicht viel mit Journalisten zu tun gehabt. Ich denke mein Verständnis von Journalismus wurde, wenn ich denn überhaupt eines besitze, vom TEUFELSGEIGER geformt (lacht). Nein, ich bin wirklich kein Freund von Stereotypen. Ich gehe nicht davon aus, dass alle Journalisten alles tun würden, um eine interessante Geschichte zusammen zu spinnen. Trotzdem muss man zugeben, dass wir in einer Welt leben, in der Menschen Dinge gerne zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen. Was der Film also darstellt, wenn er zeigt, wie die Presse Paganini und Charlotte behandelt, dann bewegt er sich damit doch recht nahe an unserer modernen Gesellschaft. Natürlich orientieren sich Journalisten daran, was gekauft wird und das sind nun mal irrsinnige Geschichten.

Tendiert die Presse unserer Zeit, wie viele sagen würden, zu Grausamkeiten?

Das ist schwer zu sagen, denn natürlich wollen auch Journalisten einfach nur ihren Job machen und ihr Geld verdienen. Jeder sollte aber eine Grenze haben. Niemand sollte davon leben, den Ruf oder die Familie anderer zu zerstören. Das ist definitiv grausam und ungerecht.

Paganinis Image ist für den Film sehr wichtig. Wie wichtig ist das Image für den modernen Künstler?

Image ist noch immer sehr entscheidend, da Künstlerberufe Berufe sind, die einen zur Selbstpräsentation zwingen. Optimal ist es, wenn deine Leidenschaft für die Sache dein Image formt. Künstler können mit ihrem Image auch viel Spaß haben – sie können damit spielen oder darüber lachen. Es geht vielleicht gar nicht so sehr um das Image, sondern darum, richtig damit umzugehen. Leider gibt es dazu keine Techniken oder Kurse (lacht). Manche Dinge lassen sich einfach nicht kontrollieren und der richtige Umgang mit ihnen wäre das Loslassen. Ich kann nicht sagen, dass ich das gut beherrsche, aber das ist wahrscheinlich der Schlüssel zum Glück.

Dein nächstes Projekt SINGULARITY befindet sich derzeit in Postproduktion. Kannst du etwas darüber verraten?

SINGULARITY baut auf einer sehr ausschweifenden Story auf. Es ist eine Liebesgeschichte, die sich über mehrere, Zeitzonen erstreckt. Meine Figur Ali bewegt sich ausschließlich in der Moderne, aber die Einzelheiten zu erklären, würde jetzt den Rahmen sprengen (lacht). Einen Großteil der Dreharbeiten haben wir auf einem Boot verbracht, was wirklich toll war. Wir sind erst kürzlich fertig geworden, aber den Stoff, der in der Vergangenheit spielt, haben sie schon vor 3 Jahren abgedreht. Es hat einfach Riesenspaß gemacht, sich an dem Film zu beteiligen- auch das Hin und Hier zwischen SINGULARITY und DER TEUGFELSGEIGER war für mich interessant.

Was für ein Mensch ist Ali?

Sie arbeitet sehr hart und ist ein absoluter Team-Player. Außerdem ist sie irrsinnig klug und hat ein sehr hohes Bewusstsein, wobei ihre Denk- und Sichtweisen deutlich in Richtung Naturwissenschaften gehen.

Wie war die Zusammenarbeit mit Josh Hartnett?

Es war fantastisch. Im Film ist er ein Teil von Alis Team, sodass wir viele gemeinsame Szenen hatten – einen Großteil davon haben wir Nachts gedreht. Ich habe ihn als sehr bodenständigen, smarten und witzigen Menschen mit wunderbar trockenem Humor kennengelernt. Wir alle sind nach jedem Drehtag auf einen Absacker gegangen und hatten enormen Spaß miteinander. Mit ihm zu arbeiten und ihn um sich zu haben war ein Geschenk.

by Sima Moussavian

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