Albert Nobbs

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Lange, lange ist sie her, die Oscar-Verleihung 2012. Erst jetzt, mehr als 1,5 Jahre später, erscheint das damals 3-fach nominierte Historiendrama “Albert Nobbs” auch hierzulande. Das Herzensprojekt von Haupotdarstellerin, Co-Produzentin und Co-Autorin Glenn Close hat seine Oscar-Nominierungen dabei durchaus verdient. Wohin man sich auch wendet zeigt “Albert Nobbs” die schauspielerische Brillianz seines Spitzencasts – die seiner beiden Hauptdarstellerinnen und genauso die von historenerprobten Nebendarstellern wie ehemaligem Winston Churchill Brendan Gleeson und langjährigem King Henry VIII. Jonathan Rhys Meyers. Die Zeitreise zurück ins Dublin des 19. Jahrhundert, als von Frauenrechten noch keine Rede war, gelingt Regisseur Garcias Drama über darstellerische Klasse, gänzlich kinofremde Farben und eine perfektionierte Location einwandfrei und doch will man einfach nicht mit Albert fühlen…

Das liegt nicht etwa an einer Mangel-Performance von Close. Nein, tatsächlich glaubt man kaum, dass man es hier mit einer Frau zu tun hat, die nie Mann war und wahrscheinlich auch keiner werden will. Genauso wenig ist der Grund für die fehlende Identifikationsgrundlage die Zeitdifferenz zwischen der unseren und der dargestellten. So hat Garcia in seinen Vorgängerprojekten doch bewiesen, wie stark man auch im Historiendrama mit Protagonisten fühlen kann. Dass er sich nun die Zähne daran ausbeisst, ein Publikum mit Nobbs fühlen zu machen, liegt daran, dass der Charakter Albert Nobbs im wahrsten Sinne des Wortes einem Stein gleicht. Kaum eine Miene regt sich, kaum etwas über seine Person kommt ans Tageslicht. Dabei vermittelt die Unterdrückung, die unbewegliche Verhaltenheit und emotionale Sterilität, die Plot und Closes Performance Nobbs beimessen, auf lautlose Weise wie viel die Frau hinter dem Namen Albert opfern musste, um es bis zu einer Anstellung in einem gehobenen Hotel zu bringen. Und doch ändert das Gelingen jenes qualitativ hochwertigen Anspruchs kaum etwas daran, dass sich Protagonistin und abgebildete Szenerie, wenn auch berechtigt, mit der Zeit beängstigend tot anfühlen. Einzig Aaaron Taylor-Johnson, Mia Wakowska und Jonathan Rhys Meyers dürfen der Totenstarre des Milieus zuweilen etwas Leben einhauchen – sei es im Zuge von zeittypischen und aufwendig inszenierten Kostümbällen, oder im Rahmen orgienhafter Bettgeschehnisse. Unglücklicherweise finden sich jene Szenarien des ausschweifenden Lebens oberer Klasse derart dünn gesät, dass sie die Reanimation des Zuschauers auf Dauer nicht gewährleisten können.

Schließlich ist “Albert Nobbs” der Albtraum eines Kritikers, denn schlecht bewerten kann man Garcias durchaus durchdachte Inszenierung über die reale und filmisch fühlbare Unterdrückung des weiblichen Geschlechts genauso wenig wie die verdient oscar-nominierte Performance von zwei Frauen, die in ihren Darstellungen zu härteren Kerlen werden, als so manch ein moderner Mann. So sehr man künstlerischen und historischen Anspruch, Subtilität und stilvolle Klasse des Films schließlich aber auch in den Himmel loben möchte, so sehr fühlt man sich zugleich gebremst, denn eine tatsächliche Entwicklung wird plottechnisch genauso wenig abgebildet, wie ein lebendiger und atmender Protagonist. “Albert Nobbs” ist, wie der Name unschwer erkennen lässt, am ehesten historische Charakterstudie einer mutigen Frau, die sich in Selbstverleumdung gegen ihre Zeit behaupten will, dabei abstumpft und vom Drama des Lebens schließlich erstickt wird. Zielgruppentechnisch sieht es für das Historiendrama da nicht besonders gut aus, denn gerade weil das lautlose und beengende Gefühl der Unterdrückung, der Atemlosigkeit, Ausgeliefertheit, Stagnation und Resignation omnipräsent ist, wird sich nur der hartgesottene Arthouse-Liebhaber bis zum Ende des Films im Kino halten können.

by Sima Moussavian

Infos zu Albert Nobbs
 
Kinostart26.09.2013
Länge114 Minuten
GenreDrama
RegieRodrigo Garcia
DarstellerGlenn Close,
Mia Wasikowska,
Janet McTeer
u.a.
VerleihPandastorm
Punkte5/10

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